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Orgel: Schkopau / Burgliebenau – St. Philippus und Jacobus

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Gebäude oder Kirche

St. Philippus und Jacobus

Konfession

Evangelisch

Ort

Schkopau / Burgliebenau

Postleitzahl

06258

Bundesland / Kanton

Sachsen-Anhalt

Land

Deutschland

Bildergalerie + Videos



Bildrechte: Datenschutz

Orgelgeschichte

1731 wurde im Zuge des Kirchenneubaus eine erste kleine Orgel errichtet.
1880 Neubau durch Karl Joseph/August Bernhard Chwatal aus Merseburg, vorderspielige mechanische Orgel I/6 mit Kegel-/Knopfventilladen (laut Dehio “um 1880”).
1917 Abgabe der Prospekpfeifen aus Zinn.
1920er Jahre Ersatz durch Zinkpfeifen.
Um 1960 Einbau eines elektrischen Winderzeugers.
2011 Sanierung durch Rösel&Hercher/Saalfeld und Orgelbauer Thomas Schildt/Halle.
2022 die Orgel ist gut spielbar, allerdings macht der sich nach Osten neigende Turm dem knapp unter die Decke gebauten Werk Probleme.

Die Orgel in Burgliebenau entstammt der produktiven und durchaus auf dem mechanischen Gebiet auch innovativen Werkstatt der Brüder Chwatal in Merseburg, die einige Instrumente in die Saalekreisregion lieferten. Das kleine sechsstimmige Werk befindet sich oben auf der zweiten Empore unter der Tonnendecke der Kirche, die für den Einbau der Orgel nach oben erweitert werden musste. Trotzdem führt noch heute ein großer Balken durch das Orgelinnere. Der Prospekt ist von unten kaum erkennbar, er fügt sich sehr dezent in das Raumbild ein. Die Schaufront besitzt drei Pfeifenfelder, die aus Pfeifen des Principal 4′ gebildet werden, alle drei Felder sind als Flachfelder ausgeführt. Die beiden Seitenfelder sind harfenförmig und besitzen dezent vergoldetes geschnitztes Akanthus-Schleierwerk, das Mittelfeld ist als großer Rundbogen ausgeführt. Weitere Zier besitzt das Gehäuse nicht, es ist komplett in weiß gestrichen. Der Spieltisch ist frontal als Spielschrank mit seitlichen Flügeltüren in das Gehäuse eingelassen, die Registerzüge befinden sich in absoluter Symmetrie beiderseits des Notenpulteinsatzes, die Manubrien besitzen weiße Registerschilder aus Porzellan mit schwarzer kursiver Druckschrift.
Das Innere der Orgel ist durch das kleine Gehäuse und die Position der Orgel direkt unter dem Gewölbe sehr beengt, vor allem für die reich disponierte Äquallage ist eigentlich nicht genug Platz vorhanden, zumal ein großer Tragbalken der Decke mitten durch das Gehäuse führt. Vermutlich ist aufgrund des engen Gehäuses der Klaviaturumfang zugunsten von mehr klingenden Stimmen etwas reduziert worden, möglicherweise ist dies auch ein Hinweis auf die musikalische Gottesdienstpraxis hier zur Erbauungszeit der Orgel. Vorne steht leicht unterhalb der Öffnungen des Prospektes eine mechanische Kegellade für das Manualwerk, welche chromatisch dem Verlauf der Klaviatur folgend aufgestellt ist. Die Kegel sind aufschlagend und leicht gewichtet, die Ansteuerung erfolgt über seitlich angelängte Heberleisten und ein Stecherwellenbrett. Die Trakturseite der Klaviatur ist dabei auf Zug eingerichtet. Das Pedal verfügt über ein Strahlentraktur und über eine Windlade, die Bernhard Chwatal erfunden hatte – eine chromatisch aufgebaute Knopfventillade mechanischer Bauart – später wandte Chwatal diese Ladenart auch in pneumatischer Bauweise an. Eine andere Datenbank berichtet von Schleifladen – diese Behauptung ist nachweislich falsch! Der Magazinbalg samt Winderzeuger steht aufgrund des geringen Raumes auf der Empore eine Etage unter der Orgel in einem Holzverschlag auf dem ersten Emporengeschoss, der Kanal führt von dort nach oben zu den Windladen.
Das für den recht hohen Raum doch überraschend klein gehaltene Werk verfügt über 6 farbige Stimmen, die auf ein Manual und Pedal aufgeteilt sind. Dabei wirkt die Disposition durchaus klassisch, sogar die 2′-Lage wird mit einem eigenen Register berücksichtig, was zu dieser Zeit keine Selbstverständlichkeit darstellt – man schaue nur einmal auf die zu ähnlicher Zeit entstandene Rühlmann-Orgel in der Kapelle des Riebeckstiftes in Halle, die bei 6 Stimmen über keinen eigenen 2′ verfügt! Drei Grundstimmen der Äquallage bilden das klangliche Rückgrat der Orgel. Fundament ist eine Chwatal-Spezialität: Ein warm-dunkles, weiches und sehr tragfähiges Doppelgedackt 8′. Diese Stimme erhält ihre Kraft und dunkel-erdige Wärme samt leichtem Ansprachegeräusch nicht nur durch doppelte Labien, sondern auch durch eine doppelt so weite Mensur (quasi zwei Gedackt-Pfeifen aneinander geleimt). Dadurch ist das Register sehr tragfähig, warm, weich, erdig-dunkel, aber sehr edel und charaktervoll, öffnet sich nach oben hin leicht perlend im Klang. Diesem Register stehen eine kullernd-freundliche, weich-orchestrale Traversflöte mit leichtem “Rauch” im Klang sowie eine etwas scharfe, melancholisch singende, schneidige Gambe zur Seite. Gambe und Doppelgedackt erreichen dabei durchaus den Klang eines (Geigen-) Principal 8′ und wirken dadurch im akustisch eher trockenen Raum sehr ansprechend. Die 4′-Lage wird durch einen sehr kraftvollen, hell strahlenden, dabei aber sanglichen Principal 4′ vertreten, die Oktave 2′ mit ihrem reichen Obertonspektrum und der leuchtenden, leicht spitzen Intonation wirkt dabei als Klangkrone und verleiht der Orgel im Raum eine große Präsenz. Der Subbass 16′ des Pedals grundiert wirkungsvoll den Klang – er ist füllig und tragend, aber auch mit dezenten Obertönen intoniert, sodass er auch ohne Pedalkoppel eingesetzt werden kann. Vor allem Flauto traverso 8′ und der Subbass ohne Pedalkoppel ergeben einen sehr ansprechenden Klang.
Das Pelnum der Orgel ist hell und strahlend, im Raum sehr präsent und trotz der wenigen Stimmen sehr kraftvoll. Auch mit den drei Grundstimmen kann man eine mittelgroße Gemeinde gut begleiten, und das obgleich jene Register auf der Empore oben nicht übermäßig laut sind. Principal 4′ ist durch seine exponierte Lage sehr präsent am Spieltisch und im Ohr des Spielers, mischt sich aber im Raum angenehm ein. Auch das Pedal ist im Raum vor allem mit der Pedalkoppel sehr präsent. Das volle Werk füllt den Raum gut aus, ohne dabei drückend, schreiend oder zu forciert zu wirken – dies ist eine intonatorische Meisterleistung, zumal der Raum akustisch recht trocken ist. Eine Mixtur ist bei der reichen Holzausstattung nicht vonnöten, die reichen Obertöne der Octave 2′ decken dieses Spektrum im Raum sehr gut ab. Die Spielbarkeit ist sehr angenehm und erinnert durch die Stechermechanik mit sehr langen Stechern an die Klaviatur eines großen Flügels. Zu beachten sind für den Spieler die geringen Klaviaturumfänge und das recht leichtgängige Pedal mit seinen hohen Obertasten.
Der Zustand der Orgel ist sehr gut, allerdings leidet das kleine Werk unter dem sich neigenden Turm direkt über der Orgel, welcher auf die großen Pfeifen drückt und damit wenigstens zu Stimmungs- und Intonationsmängeln führt. Dies wurde bereits mehrfach behoben, durch die fortschreitende Senkung des Turmes werden diese Fehler aber immer wieder auftreten. Durch die Bauweise der Windladen mit den großen Kegelventilen ist im Zusammenhang mit der Fußlochintonation bei einigen Tönen ein auch an der Taste haptisch fühlbares Nachbeben zu spüren, des weiteren tritt vor allem im Diskant das kegelladentypische “Klirren” auf. Es bleibt zu hoffen, dass die Senkung des Dachreiters zumindest gestoppt werden kann, sodass die Orgel keinen weiteren Schaden davon tragen wird – es wäre sehr schade um das kleine Werk, welches durch innovative und unkonventionelle Lösungen gleichermaßen Freud und Leid beim Spieler und beim Orgelbauer hervorruft. Nicht zuletzt deswegen darf die Orgel regelmäßig in Konzerten und Gottesdiensten ihre hervorragenden Klangqualitäten beweisen.

Disposition

Manual C – d”’

Doppel gedackt 8′

Flauto traverso 8′

Gamba 8′

Principal 4′

Octave 2′

Pedal C – c’

Subbaß 16′

 

Spielhilfen

Als Registerzüge rechts unten: Pedalcoppel, Calcantenzug

Gebäude oder Kirchengeschichte

1433 Erwähnung einer ersten kleinen Kapelle im Zusammenhang mit der Burg Burgliebenau, die u.a. Sitz der Bischöfe von Merseburg war.
1654 Erwähnung eines Pfarramtes Burgliebenau im Zusammenhang mit einer Kirchenvisitation in Döllnitz (nach W. Stüven).
1731 Errichtung der heutigen barocken Saalkirche im Auftrag von Herzog Moritz Heinrich von Sachsen-Merseburg – die Kirche wurde auch als Schlosskirche genutzt.
1732-33 Fertigung der Innenausstattung, u.a. Altar und Lesepult durch Johann Heinrich Agners d. Ä.
1859 Restaurierung der Kirche.
1876 Guss der heute noch vorhandenen Glocke durch Gebr. Ulrich/Laucha – Nominal e”.
1904 Restaurierung und Erhaltungsmaßnahmen am Bauwerk.
1917 Abgabe einer Glocke zu Kriegszwecken.
1990-92 Sanierung der Kirche durch den Restaurator Hans Rothe (ansässig im Ort) .
2011 Förderung der Sanierung der Kirche durch die Stiftung Kirchliche Baudenkmäler (KiBa) .
2012 Sanierung des Kirchenschiffdaches mit Neueindeckung.

Die Kirche in Burgliebenau ist eines jener Kleinode im Saalekreis, die wohl den meisten Menschen kaum bekannt sein dürften. Das Gotteshaus verdankt seine Entstehung und überaus reiche Ausstattung der unmittelbaren Nähe zur Burg bzw. zum Schloss Burgliebenau, es diente auch als Schlosskirche der im Schloss ansässigen Familie von Herzog Christian von Sachsen-Merseburg, der das Schloss umgestalten ließ. Wie dem auch sei – die Barockkirche Burgliebenau beeindruckt von außen durch ihre unscheinbare Gestalt und durch den großen und gestalterisch edlen Reichtum des Inneren.
Herzog Moritz Heinrich von Sachsen-Merseburg ließ 1731-33 eine barocke Saalkirche am Rande des Ortes in der Nähe zum Schloss errichten. Das Gotteshaus liegt malerisch auf dem heute noch genutzten Kirchhof, umgeben von einer Mauer, eingebettet in den Rand des nahen Waldgebietes. Wie in der Region üblich handelt es sich hier um eine einschiffige Saalkirche auf rechteckigem Grundriss mit geradem Ostabschluss. Der Turm ist nicht ans Kirchenschiff angefügt, sondern als oktogonaler Dachreiter mit welscher Haube samt offener Laterne im Westen aufgesetzt. Die Schallfenster des Turmes sind als schlichte Rechteckfenster ausgeführt, die Fenster des Kirchenschiffes durchbrechen als Segmentbogenfenster mit rot verputzter Laibung das Mauerwerk. Das gesamte Mauerwerk ist verputzt, die Turmhaube ist schiefergedeckt, das Kirchenschiff ist als abgewalmtes Satteldach mit normalen Ziegeln ausgeführt. Durch den rechteckigen Grundriss mit dem Dachreiter, der das Kirchendach durchstößt, ist der Außeneindruck ein sehr Kompakter, Gedrungener.
Das Innere überrascht und beeindruckt mit einer nahezu überreichen barocken Ausstattung, weshalb die Kirche auch oft “Barockkirche Burgliebenau” genannt wird. Schon Georg Dehio bemerkt in seinem Kunsthandbuch: “Die Ausstattung [ist] einheitlich […] und von bemerkenswerter Qualität.” Eine reich bemalte Holztonnendecke überspannt den Raum, im Westen durchbrechen zwei mächtige Holzpfeiler die Decke – diese Pfeiler, weiß bemalt, tragen den östlichen Teil des Dachreiters. Leider sinken sie immer weiter ab, sodass der Dachreiter samt Dachtragewerk sich nach Osten senkt und damit auch auf die Orgel drückt, wozu der Autor schon weiter oben etwas geschrieben hat. Die Decke ist durch den sächsischen Hofmaler Albrecht mit reicher floraler Ornamentik auf pastellrosa Grund (umgeben von grünen Zierbändern) geschmückt. Dazu rahmen zahlreiche Architekturperspektiven samt ornamentalem Rankenwerk die drei großen Deckengemälde ein: Über der Orgel sind drei fliegende Putten mit Spruchbändern vor einem Wolkenhimmel zu sehen, auf den Spruchbändern sind die Worte “Heilig heilig heilig”, “ist Gott der Herr” und “Zebaoth” zu lesen, also ein Ausschnitt aus dem Sanctus, welches durch die himmlischen Heerscharen angestimmt und durch die Orgel verstärkt wird. Mittig ist eine Darstellung des Pfingstwunders samt den vier Evangelisten aufgemalt – über dem Altar das Symbol der Dreieinigkeit. Die illusionistischen Malereien sind von hoher Güte und bemerkenswerter Qualität.
Der Kanzelaltar, von Dehio als “vorzüglich” bezeichnet, wird durch zwei mächtige runde Säulen ohne Kanneluren mit ionischen Kapitellen flankiert und umrahmen den mit vergoldeten Reliefs versehenen polygonalen Kanzelkorb. Zwei lebensgroße, geschnitzte Sakamentsengel mit Marterwerkzeugen sind links und rechts stehend am Altar zu sehen. Über dem Giebel ist Gott Vater im Wolkenkranz als Krönung des Altars angebracht. Die Schnitzarbeit des in Weiß und gGold gehaltenen, sehr eindrucksvoll gestalteten Altars ist überaus edel und eindrucksvoll. Links und rechts des Altars im Chorraum sind zwei kleine Logen (vermutlich Pfarr- und Beichtstuhl eingebaut), sie besitzen je zwei verglaste Fenster und eine mit Fenster versehen Tür. Unter den Fenstern befinden sich gemalte, rechteckige Zierkartuschen. Das Taufgestell, gleichzeitig als Lesepult dienend, steht auf quadratischem Fuß und ist mit reicher floraler Schnitzzier versehen, die teilweise vergoldet ist. Das Lesepult wird durch einen Puttenkopf getragen. Die Empore ist im Westen zweigeschossig und schwingt leicht zurück, das untere Geschoss ist hufeisenförmig. Die balkengerahmten Rechteckfelder des unteren Emporengeschosses zeigen gemalte biblische Szenen, die sich auf dem weißen Untergrund der Empore angenehm abheben, die obere Empore mit der Orgel ist komplett weiß bemalt. Im Zusammenspiel mit den weißen Wänden ergibt sich hier ein reizvolles Bild von großer Einheitlichkeit. Nicht nur die Ausstattung, sondern auch die Akustik der Kirche sind von großer Qualität. Durch die transparente und nachhallarme, aber nicht zu trockene Akustik wird die Kirche oft und gern vom Merseburger Orgelsommer als Konzertort vor allem für Kammermusikveranstaltungen genutzt. Die einheitliche Ausstattung mit ihrer hohen Güte verleihen dem Inneren eine erhaben edle, gleichzeitig aber freundlich-helle, geborgene Ausstrahlung. Wie wunderbar ist es, dass diese edle, kleine Kirche so erhalten ist und gehegt und gepflegt wird!

Anfahrt

Quellenangaben


Orgelbeitrag erstellt von:

Dateien Bilder Kirche und Orgel: Johannes Richter
Orgelgeschichte: Johannes Richter – Sichtung vor Ort sowie mündliche Informationen aus der Gemeinde und von Orgelbauer Thomas Schildt
Kirchengeschichte: Johannes Richter, Sichtung vor Ort, ergänzt durch Informationen aus: Georg Dehio – Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler – Sachsen Anhalt II: Regierungsbezirke Dessau und Halle – Deutscher Kunstverlag München Berlin (Neuauflage 1999) ISBN 3-422-03065-4, S.98, sowie: W. Stüven – Orgel und Orgelbau im Halleschen Land vor 1800 – Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 1964

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