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Orgel: Seegebiet Mansfelder Land / Stedten – St. Martin

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Die Stedtener Orgel ist eines der bemerkenswertesten Instrumente der Region und bedarf dringend einer Sanierung und Sicherung. Helfen Sie dabei mit!




Gebäude oder Kirche

St. Martin

Konfession

Evangelisch

Ort

Seegebiet Mansfelder Land / Stedten

Postleitzahl

06317

Bundesland / Kanton

Sachsen-Anhalt

Land

Deutschland

Bildergalerie + Videos



Bildrechte: Datenschutz

Orgelgeschichte

Zwischen 1660 und 1685 Erbauung des heutigen Werkes, vermutlich durch Henning Weidenbach/Halberstadt für einen unbekannten Ort.
1697 Transferierung der Orgel nach Stedten, darüber gibt eine Inschrift am Orgelgehäuse Aufschluss, dass die Orgel “wieder aufgesetzt” wurde. Das Werk war ein Geschenk der Gemeinde – auch darüber informiert eine Prospektinschrift.
1700 Fertigstellung des Schnitzprospektes (lt. Inschrift in der bekrönenden Kartusche), es handelt sich um eine vorderspielige Schleifladenorgel I/10.
1819 Reparatur und Umbau der Orgel durch Carl Albrecht Heinrich von Knoblauch aus Halle, dabei Einbau einer Posaune 16′ – evtl. auch Einbau der zwei anderen Pedalregister, zusätzlich neue Manubrien und neue Klaviatur für das Manual.
Um 1860 Reparatur und Umdisponierung durch August Apel oder Wilhelm Hellermann, beide Querfurt – dabei Neubau eines Teils des Pfeifenwerkes, Neue Register kamen hinzu:
Bordun 16′ Principal [diskant] 8′, Flauto 8′, Viola di Gamba 8′, Octave 2′, Mixtur 3fach.
Im Zuge dieser Arbeiten wurde auch der Verschluss des Spieltisches eingebaut.
1917 Abgabe der Prospektpfeifen aus Zinn, Ersatz durch bronzierte Zinkpfeifen, möglicherweise durch Voigt oder Rühlmann.
1954 Überholung der Orgel durch Kühn/Merseburg, dabei Änderung des Stimmtons und Ergänzung der in der Tiefe fehlenden Pfeifen C auf pneumatischen Kegelladen (aber nicht in allen Registern). Hinzufügung von Zusatzpfeifen für das Pedal, Tieferstimmung der Posaune, dadurch Anfertigung 8 neuer Schallbecher für die Posaune 16′ und Einbau neuer, teils heute zerstörter Registerschilder aus Milchglas mit Frakturschrift – keine Änderung der Disposition! Einbau eines elektrischen Winderzeugers.
Um 2010 Ergänzung einiger Registerschilder aus Papier – mit Filzstift beschriftet.

Das Instrument ist heute spielbar, aber von Ausfällen und Verstimmungen gezeichnet und im Zustand bedroht.

Die Orgel der Kirche St. Martini zu Stedten zieht durch ihre reiche Zier und nahezu überreiche, in markanten Farben gehaltene Bemalung sofort die Blicke in dem weiten Kirchenraum auf sich. Der Prospektaufbau ist für diese Region nahezu exemplarisch: Zentral, mittig befindet sich ein halbrund vorspringender, deutlich überhöhter Prospektturm. Seitlich rahmen Spitztürme zwei kleine Flachfelder ein. Reiches, nahezu überladen wirkendes Schnitzwerk in Akanthusdekor in Form von Schleierwerk, Zierkartuschen, Stifterwappen sowie
Seitenwangen verzieren den Prospekt. Das Ganze wirkt bei näherer Betrachtung etwas rustikal, bäuerlich, um nicht zu sagen etwas derber und grober als vergleichbare Prospekte, wie man sie z.B. in der Marktkirche in Halle findet. Beeindruckend sind die gleich 5 Inschriften an der Prospektfront: Links und rechts des Spieltisches wird über die Schenkung der Orgel durch die Gemeinde Stedten berichtet, samt Jahreszahl. Über dem Spieltisch in einer Zierkartusche (direkt auf das Gehäuse gemalt) gibt es Aufschluss über die an Erbauung und Umsetzung der Orgel beteiligten Personen – zwei Schriftbänder zeigen auf blauem Grund goldene, deutsch gehaltene Bibelworte. Im Prospekt bekrönt eine Zierkartusche mit Stifternamen, die über die Aufstellung des Prospektes berichtet, das Gehäuse. Links und rechts über den kleinen Flachfeldern sind zwei Stifterwappen angebracht. Geschnitzte Giebel schließen die Schaufront nach oben ab. Das Gehäuse insgesamt wirkt in sich bemerkenswert harmonisch und proportional sehr gut ausgewogen, steht im Gesamteindruck den “großen” Barockprospekten wenig nach. Die Orgel wurde vermutlich von Henning Weidenbach aus Halberstadt, der in der Zeit des vermuteten Erbauungsdatums
wirkte, erbaut. Heute zeigt sich das Instrument als ein bemerkenswertes Konglomerat unterschiedlichster Stile, die eine durchaus interessante Einheit bilden, obwohl von Weidenbach über Knoblauch und Apel bzw. Hellermann bis hin zu Kühn diverse Meister daran beteiligt waren. Es ist aufgrund der Gehäuseform und des eher grob gearbeiteten Gehäuses dahinter denkbar, dass das Pedalwerk erst 1819 an die Orgel kam und das Werk zum Zeitpunkt seiner Erbauung als eine eher kammermusikalische Orgel für eine kleine Kapelle ohne Pedalwerk konzipiert war. Das Innere ruht auf einem aus zweitverwendeten (sehr grob behauenen Hölzern) erbauten Gerüst. Auf der Höhe der Prospektöffnungen steht eine ungeteilte durch ein Wellenbrett angesteuerte Schleiflade für das Manualwerk. Die Pfeifen des Principal 8′ bestehen aus teilweise noch bemalten ehemaligen Prospektpfeifen – andere Register, wie die offene Flöte sind aus Platz- und vielleicht auch Geldgründen erst ab der kleinen Oktave ausgebaut. Die Windlade besitzt zwei Ventilreihen, eine für die normale Manualklaviatur und eine für die Pedalkoppel. Vor der Windlade ist auf dem Stimmgang eine kleine, pneumatische und gebrauchte Kegellade angebracht, die vier Pfeifen des Tons “C” beherbergt – die im Zuge der Stimmtonänderung nötig wurden. Diese Windlade ist allerdings, ebenso wie ihr Pendant im Pedal, ein Fremdkörper. Die Windlade des Pedals ist in C/D-Seite geteilt und steht nahezu ebenerdig. Auf der rechten Seite versperrt die Zusatzlade für die Töne C in allen Registern den Zugang. 8 Becher der Posaune wurden im Zuge der Stimmtonänderung durch neue ersetzt. Die Balganlage, bestehend aus zwei Keilbälgen (die übereinander angeordnet im Turmraum stehen), wird durch einen alten, in Leipzig gebauten Winderzeuger mit Wind versorgt und steht ungeschützt und nicht eingehaust im Turme.
Die Disposition zeigt sich heute eher romantisch denn barock beeinflusst. Ein Bordun 16′ für Gravität und Fülle, allerdings erst ab d°, grundiert das Werk. Der in der Romantik für unentbehrlich gehaltene Principal 8′ beginnt als Quasi-Diskant erst ab g#° und besitzt einen edlen, nicht dicken, fein-singenden, doch kraftvollen Klang. Ihm zur Seite gestellt sind einige Charakterstimmen, die den Klang füllen und ausdifferenzieren – aber auch jede für sich sprechen und reden können: ein alt erhaltenes, etwas hohles, eher stilles Gedackt, eine offene Diskantflöte von tragfähig perlenden Klang, sowie eine scharfe, aber nicht zu laute Gambe 8′. Ein heller, etwas rauschiger Principal 4′ sowie ein helles, etwas spuckendes Gedackt 4′ – eine strahlende, glitzernde Oktave 2′ sowie eine golden-leuchtende, aber nicht harte Mixtur runden den Klang nach oben ab. Das Pedal besitzt einen tragend füllig-warmen Subbass 16′, sowie einen leicht streichenden, zeichnenden Oktavbass 8′. Dazu eine von Knoblauch geschaffene, mächtige Posaune 16′ mit recht weichem Klang, der durch die belederten Kehlen hervorgerufen wird. Die Klangmischungen sind vielfältig und stets edel und farbig – von machtvollen Plena bis hin zu leise-singenden, geheimnisvollen Registrierungen ist alles vorhanden.

Der Zustand des Werkes lässt heute nur noch einen Abglanz seiner einstigen Kraft deutlich werden. Jahrelange Nicht-Pflege hat ihre Zugeständnisse gefordert. Das Innere ist verstaubt und verschmutzt. Die pneumatischen Zusatzladen sind nur noch zum Teil funktional, teilweise sind die Bleikondukten abgerissen. Pfeifen im Inneren stehen schief, zeigen Beulen oder andere Schäden. Holzwurmbefall ist im Bereich der Pedallade sowie im Gehäuse und in den Pedalpfeifen, u.a. auch in den Stiefeln der Posaune 16′ feststellbar und heute leider auch in der Kanalanlage sichtbar. Die beiden Keilbälge, von denen heute nur noch einer genutzt wird, bedürfen einer dringenden Überholung, die Belederung ist rissig und spröde, teilweise undicht.
Der Winderzeuger ist verschlissen und bedarf eines Austauschs. Am Spieltisch bedürfen die Klaviaturen einer Überholung und Neuaustuchung, desweiteren sind die aus Milchglas gefertigten, teilweise zerbrochenen und großteils verschwundenen Registerschilder zu ersetzen, die in der Vergangenheit etwas dilettantisch, aber praxisorientiert durch Papier ersetzt wurden. Teilweise funktionieren Pedaltasten nicht, Manualtasten bleiben hängen oder unten liegen. Verstimmungen und Intonationsmängel prägen das Klangbild, die Posaune 16′ spricht in den meisten Tönen nicht an, zeigt sich stark verstimmt. Windstößigkeit ist auch vorhanden.
Es wäre sehr zu wünschen, dass diese edle und wertvolle, sowie vor allem durch ihre Heterogenität interessante Orgel wieder in voller Pracht erklingen darf. Eine Initiative dafür ist bereits in Gange.

Disposition

Manual C, D – c”’

Bordun 16′ (ab d°, Holz, gedeckt)

Prinzipal 8′ (ab g#°, Zinn, teils aus alten Prospektpfeifen eines Principal 4′ und anderen Pfeifen bestehend)

Gedackt 8′ (durchg. Holz, gedeckt)

Flöte 8′ (C-a° zusammen mit Ged. 8′, ab b° Holz, offen)

Viola di Gamba 8′ (ab c°, c°-h° Holz, offen, ab c’ Zinn, offen)

Prinzipal 4′ (durchg. Zink, Prospekt)

Gedackt 4′ (durchg. Holz, gedeckt) 

Oktave 2′ (durchg. Orgelmetall)

Mixtur 3fach (durchg. Orgelmetall, 1 1/3′)

 

Pedal C, D – c’

Subbaß 16′ (durchg. Holz, gedeckt)

Oktavbaß 8′ (Holz, offen)

Posaune 16′ (Becher und Stiefel Holz, belederte Messingkehlen)

 

Spielhilfen

Als Registerzug links: Pedal-koppel
Als Registerzug rechts: Kalkantenzug

Gebäude oder Kirchengeschichte

12./13. Jahrhundert Errichtung einer ersten romanischen Steinkirche mit massivem Turm.
15. Jahrhundert Anfertigung des gotischen Schnitzaltars.
1517 Umbau der Kirche und des Kirchenschiffs zur heutigen Gestalt.
1603 Einbau der Kanzel.
1697 – 1700 Umbau der Empore für die Orgel.
1702 Schaffung des großen Altarkruzifix’, dies belegt die Inschrift auf der Rückseite desselben.
1880 Einbau der Buntglasfenster auf der Südseite des Kirchenschiffes.
1917 Abgabe dreier Glocken zu Rüstungszwecken.
1929 Guss dreier neuer Glocken durch Schilling/Apolda.
1942 Abgabe zweier Glocken.
1951-54 Erneuerung der Farbfassung der Kanzel und des Inneren, darauf deutet eine Inschrift an der Kanzel hin.
1962 Guss zweier neuer Glocken aus Eisenhartguss durch Schilling/Lattermann, Nominale fis’, a’ .
Nach 1990 Sicherung der Kirche durch ABM-Kräfte.
2008 Sanierung der Kirche durch Förderung durch die Stiftung KiBa.

Die Martinskirche in Stedten thront hoch über dem Ort, eingebettet in eine malerische Hanglage. Das Gotteshaus zeigt sich als typische, recht große einschiffige Saalkirche in Bruchsteinbauweise mit Westquerturm. Jener datiert noch in romanische Zeit, was die romanischen Dreifacharkaden an den Seiten der Glockenstube und die kleinen romanischen Fenster an der Stirnseite beweisen. Der Turm besitzt ein Satteldach, welches von einem Dachreiter mit gotischer Schlagglocke darin bekrönt wird. Das Kirchenschiff reicht mit seinem hohen Spitzdach bis an die Regenrinne des Turmdaches. Das Schiff selbst besitzt einen dreiseitigen Ostabschluss mit gotischen Maßwerkfenstern, die sich so auch an den Wänden des Kirchenschiffes finden. Vermauerte Öffnungen des Zugangs zur ehemaligen Patronatsempore, sowie eines romanischen Fensters befinden sich, ebenso wie das spätgotische Turmportal, an der Nordseite.
Das Innere ist ein überraschend weiter Raum, der von einer hölzern weiß gehaltenen Balkendecke mit breiten Querträgern überspannt wird. Eine heute vermauerte Doppelarkade mit Rundbögen öffnete einst den Kirchenraum zum Turme hin. Bemerkenswert ist zu aller erst das gotische Schnitzretabel mit bekrönendem barocken Kruzifix. Im zentralen Feld befinden sich geschnitzte Heiligenfiguren, die Flügel des Altars sind mit Heiligendarstellungen bemalt. Im Altarraum links und rechts sind zwei kleine Patronatsgestühle angebracht.
Das Taufbecken in Kelchform stammt aus der Erbauungszeit der Kirche und ist aus Sandstein geschaffen. Die Kanzel zeigt in der Kanzeltür zwei etwas unbeholfene Gemälde Luthers und Melanchthons. Die Kanzel – aus Holz gefertigt – besitzt einen reich geschmückten Kanzelkorb mit Beschlagwerk und Ecksäulchen. In den einzelnen Flachfeldern sind Bilder von Christus und den vier Evangelisten dargestellt. Neben der üppigen Bemalung finden sich auch Wappen der Stedtener Rittergüter an der Kanzel – der Kanzelaufgang ist mit Bibelworten versehen. Der Schalldeckel wird an den Ecken von Putten bekrönt und umspielt – eine Christusfigur bekrönt den Schalldeckel, in dem auf blauem Grund eine goldene Friedenstaube zu erblicken ist. Auf der Südseite der Empore ist eine aus gotischer Zeit datierte, später freigelegte Malerei des Hl. Georg zu sehen, flankiert von zwei Buntglasfenstern, die Heiligendarstellungen zeigen. Die Empore umläuft eingeschossig und hufeisenförmig den Raum, auf der Nordseite ist sie zweigeschossig ausgeführt und ragt bis in den Chorraum mit einem Fragment einer ehemaligen Patronatsempore hinein, deren Eingang von außen heute verschlossen ist. Die Empore ist mit marmorierten Flachfeldern versehen und ruht auf viereckigen Säulen. Unter der Empore sind die drei zentralen Felder mit Bibelworten verziert.
Das Innere ist äußerst hell, weit, edel und schlicht, aber von großer Erhabenheit und gleichzeitig von intimer und vergeistigter, heiliger Atmosphäre geprägt.

Anfahrt

Quellenangaben


Orgelbeitrag erstellt von:

Dateien Bilder Kirche und Orgel: Johannes Richter
Orgelgeschichte: Johannes Richter, Sichtung vor Ort – ergänzt durch Informationen eines Gutachtens von M. Rost und mündliche Informationen von H. Strödicke
Kirchengeschichte: Johannes Richter – Sichtung vor Ort, ergänzt durch Informationen von H. Strödicke

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