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Orgel: Salzatal / Zappendorf-Müllerdorf – St. Petrus

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Gebäude oder Kirche

St. Petrus

Konfession

Evangelisch

Ort

Salzatal / Zappendorf-Müllerdorf

Postleitzahl

06198

Bundesland / Kanton

Sachsen-Anhalt

Land

Deutschland

Bildergalerie + Videos

 

Salzatal/Zappendorf-Müllerdorf (D-ST) – ev. Kirche St.Petrus – Einzel- und Vollgeläut (Turmaufnahme)



Bildrechte: Datenschutz

Orgelgeschichte

1687 Aufstellung eines Positives mit 6 Registern eines unbekannten Erbauers in der Kirche, das Werk besaß kein Pedal, es befand sich auf der Empore hinter dem Altar.
Mitte 18. Jahrhundert Neubau
1860 Reparatur der Orgel durch Wilhelm Hellermann/Querfurt, dabei Erweiterung um ein Manual und vier Register
1898 Neubau der Orgel nach dem Kirchenbrand durch Wilhelm Rühlmann als Opus 207, es handelt sich um eine vorderspielige, pneumatische Kastenladen-Orgel mit einem Manual und 10 Registern hinter einem flachen neoromanischen Prospekt.
1917 Abgabe der Prospektpfeifen zu Rüstungszwecken.
1920er Jahre Einbau neuer Prospektpfeifen aus Zink durch die Erbauerwerkstatt.
2005 Sanierung durch Thomas Schildt aus Halle/Saale.

2021 Das Instrument ist in sehr gutem Zustand und gut spielbar.

Die Orgel in Müllerdorf ist ein in vielerlei Hinsicht bemerkenswertes Instrument, welches mit einem Manual und Pedal und 10 Registern auf den ersten Blick für den Kirchenraum etwas gering disponiert zu sein scheint – der Drang zur Sparsamkeit scheint aber angesichts der Größe des neogotischen Neubaus verständlich. In anderen Räumen, z.T. deutlich kleiner (Eismannsdorf b. Niemberg) legte Rühlmann die Orgeln zweimanualig an, hier in Müllerdorf ein klarer Hinweis auf eine zum Zeitpunkt der Erbauung gebotene Sparsamkeit der Gemeinde. Die Einsparungen werden auch im Vergleich mit ähnlich großen Kirchen deutlich. In Nauendorf am Petersberg disponierte Rühlmann zwei Manuale und 16 Register. Charakteristisch ist der flache, neoromanische Prospekt mit sieben Flachfeldern mit Halbbögen – unter den Feldern schließt sich ein galerieartiges Relief an. Der Mittelteil des Prospektes ist durch eine Zierleiste erhöht – spitze, pyramidenförmige Filialen stehen an den Seiten und an der mittigen Prospekterhöhung und sorgen damit für eine leicht nach oben strebende Wirkung des flachen, kompakt eckigen Gehäuses, welches durch die sieben Flachfelder mit je vier Pfeifen deutlich in die Breite gestreckt erscheint.
Die Orgel ist als vorderspieliges Werk angelegt. Im Inneren steht vorne die Windlade des Manuals, hinter dem Stimmgang an der Rückwand zum Turm die Lade des Pedals. Beide Windladen sind chromatisch aufgestellt und als Kastenladen ausgeführt. Die Windanlage befindet sich samt elektrischem Winderzeuger im Turm, wo auch Holzpfeifen der alten Orgel von Gödewitz lagern.
Wie Rühlmann der ihm auferlegten Sparsamkeit begegnete, lässt sich in Müllerdorf gut erleben: Das ganze Werk ist sehr kräftig, in der damaligen Sprache wohl eher “frisch und lebendig” intoniert, gerät dabei teilweise an die Grenze zur Grobheit und zur bloßen Lautstärke, ohne diese Grenze allerdings zu überschreiten. Hier gebührt dem Intonateur, Restaurator und Orgelbauer großer Respekt! An Kraft mangelt es dieser bemerkenswerten (das Prinzip des “geteilten Hauptwerkes” nicht verfolgenden) Orgel wirklich nicht. Machtvoll erklingt der singend warme Principal, ergänzt durch eine scharf und stark intonierte Octave, nach oben bekrönt durch eine glitzernde gemischte Stimme, deren höchster Chor zwar ein 2′ ist, durch die Quinte charakteristisch-herb eingefärbt, sich aber glitzernd obertonreich darstellt, sodass ein deutlicher Mixturcharakter gegeben ist. Rühlmann stellte sich also auf die Gegebenheiten des weiträumigen, aber durch die reiche Holzausstattung recht trockenen Raumes ein. Die zweifache Mixtur, früher auch als Rauschpfeife bezeichnet, genügt als Klangkrone vollkommen und gibt dem durch einen füllig warmen Bordun 16′ grundierten Werk einen strahlend goldenen Klang.
Die für einen Raum wie diesen so wichtige Mittellage wird durch Grundstimmen aller Labialfamilien weiter verstärkt und abgestuft, sodass reiche Differenzierungen möglich sind, gleichzeitig aber auch Kraft, Fülle und Gravität gegeben ist. Ein hohl dunkles Gedackt 8′, eine scharfmit starkem Strich versehene, lyrische Gambe und eine perlende, tragfähige, warm-weiche Hohlflöte 8′ ergänzen die Aequallage. Eine Flöte 4′ hellt den Flötenchor spielerisch und dezent auf. Das Pedal mit seinen zwei Registern trägt durch weite Mensur und starke Intonation den Klang – dies ist auch nötig, da schon die leiseste Stimme (Gedackt 8′) den Raum vollends zu füllen vermag. Füllig ist ebenso der Subbaß – stark, weit und mit konturierendem Strich versehen der Principalbass, sodass eine starke Fundamentierung des Werkes jederzeit gegeben ist. Die Rühlmann-Orgel in Müllerdorf, vom Spieler wegen der Einmanualigkeit angesichts der Größe des Raumes möglicherweise zuerst mit Skepsis betrachtet, wird den Anforderungen einer Dienerin der Liturgie in jedweder Art und Weise gerecht. Die reiche Farbpalette und die kraftvolle Intonation sorgen für Spielfreude in Verbindung mit der präzisen Traktur. Der Klang des Werkes ist in allen Situationen zwar stark, aber nie grob und hart, sondern weich, warm, edel und von hoher Mischfähigkeit gekennzeichnet. Unsere Vorväter hätten möglicherweise angesichts des tragfähig starken, weich-leuchtenden Klanges von einem “echt kirchlichen Charakter” gesprochen. Das Instrument ist ein wichtiger Anhaltspunkt für die kirchenmusikalische Gestaltung der Gottesdienste auf Dörfern – allen Beteiligten an der Sanierung dieses wertvollen Instrumentes gebührt Respekt und großer Dank!

Disposition

Manual C – f”’

Bordun 16′ (ab c°)

Principal 8′ (C-H Holz, gedeckt, ab c° offen)

Hohlflöte 8′ (ab c° offen)

Gedackt 8′

Viola di Gamba 8′

Octave 4′

Flauto amabile 4′

Quinte 2 2/3′ Octave 2′

Pedal C – d’

Subbass 16′ (Holz, gedeckt)

Principal baß 8′ (Holz, offen)

 

Spielhilfen

Als Registerzüge rechts: Pedal coppel, Volles Werk, Calcant

Gebäude oder Kirchengeschichte

13. Jahrhundert Neugründung der Kirche in Müllerdorf auf einer ehemals germanischen Kultstätte auf einem steilen Berghang.
15. Jahrhundert Umbauten und neue gotische Innenausstattung, dies belegen die hochgotischen Figuren an den Seitenwänden des Chores.
16. Jahrhundert Guss der kleinen Glocke.
Um 1890 brennt die Kirche bis auf die Grundmauern nieder.
Bis 1898 Wiederaufbau der Kirche im neoromanischen Stil und deutlich größer als der Vorgängerbau.
1917 Abgabe einer Glocke zu Rüstungszwecken.
1922 Guss einer neuen Glocke aus Eisen durch Ulrich&Weule
1970er Jahre Überführung des gotischen Schnitzaltars aus der einsturzgefährdeten Kirche Gödewitz im Zuge von Umbaumaßnahmen.
Um 1970 Brand des Turmes – die einstmalige hohe Turmspitze wurde in der folgenden Zeit durch ein Satteldach ersetzt.
Um 2000 Sanierung der Kirche.

Die auf hoher Anhöhe liegende Kirche St. Petrus wurde, wie damals oft üblich, auf einer ehemaligen germanischen Kultstätte errichtet. Das Gotteshaus zeigt sich heute als zweischiffiger Saalbau mit halbrunder Ostapsis und angeschlossenem Westquerturm auf rechteckigem, im Untergeschoss noch romanischen Fundament. Das Glockengeschoss mit dem heutigen Satteldach, welches einen spitzen Helm ersetzte, besitzt neoromanische Schallfenster mit Pilastern und schlichten Kapitellen. Kreisförmige Aussparungen erinnern an eine einstmals vorhandene Turmuhr und trugen die Ziffernblätter, die heute nicht mehr vorhanden sind. Die Fenster des kantig rechteckigen Seitenschiffes im Süden sind als Rosettenfenster ausgeführt, darunter befindet sich jeweils ein doppelbogiges Fenster. Halbrund vorspringende Umrahmungen setzen die runden Fenster vom Rest der glatt gemauerten Wände ab. Die Öffnungen der Apsis sind mit drei Rundbogenfenstern versehen. Die Fenster auf der Nordseite sind als geteilte Rundbogenfenster mit bekrönender Rosette ausgeführt, in deren Zentrum sich ein geometrisches Buntglasfenster befindet.
Das Innere der Kirche ist hell und weiträumig, durch die dunkel holzsichtige Ausstattung akzentuiert und strahlt damit Geborgenheit und Wärme aus. Der Innenraum ist zweischiffig ausgeführt. Eine an ein Satteldach erinnernde, spitz zulaufende Holzbalkendecke mit verzierten Streben und Balken überspannt das Hauptschiff. Das Seitenschiff, durch die Empore gebildet, besitzt eine flache Decke. Die Apsis besitzt ein Tonnengewölbe, davor befinden sich in geringem Abstand zwei Rundbögen, zwischen denen sich ein Kreuzgewölbe befindet. Zentrum des Blickpunktes ist der auf fünf Stufen erhöht stehende Altar. Das aus der aufgegebenen Kirche Gödewitz stammende, hochwertig gotische Schnitzretabel mit Flügeltüren ruht auf einem schlichten Altartisch mit breit angedeuteten Säulen. Im Mittelfeld ist Maria mit dem Christkind dargestellt, flankiert von zwei weiteren Figuren. Die Flügeltüren zeigen je vier weitere Figuren von Heiligen, eingerahmt von gotischem floralen Gitterschnitzwerk. Die Buntglasfenster hinter dem edlen Retabel zeigen in hochwertiger Ausführung links Petrus und rechts Paulus mit geometrischem Zierwerk und den jeweiligen Attributen – das mittlere Fenster zeigt dem Betrachter eine Christusdarstellung. An den Wänden beiderseits der Apsis stehen auf vorspringenden Gesimsen die gotischen Schnitzfiguren des ehemaligen gotischen Schnitzaltars der Kirche Müllerdorf, der dem neoromanischen Umbau zum Opfer fiel. Der einstmals neoromanische Altar wurde in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts verworfen, die Kirche purifiziert.
Die durch eine mit Gitterwerk verzierte Treppe zu betretende Kanzel besitzt einen rechteckigen Kanzelkorb, dessen eine Ecke gekappt ist. Pilaster gliedern die schmucklos holzsichtige Kanzel, die in ihrer kantigen Form im ansonsten durch runde Formen dominierten Kirchenraum etwas sonderbar wirkt. Der Kanzelkorb ruht auf fünf Säulen mit ausschwingenden Köpfen. Das Gestühl ist schlicht neoromanisch, die Empore umläuft L-förmig den Raum und ist ebenfalls schmucklos-holzsichtig, mit verzierten Vorsprüngen der Stützen, die hier explizit als Zier- und Gestaltungsmittel fungieren. Der Orgelprospekt fügt sich passend in den Raum ein. Durch die dunklen Akzente im sonst sehr hellen Raum, ist der Eindruck der Kirche hell, freundlich und zugleich ernsthaft mit hervorragender Akustik.

Anfahrt

Quellenangaben


Orgelbeitrag erstellt von:

Dateien Bilder Kirche und Orgel: Johannes Richter
Orgelgeschichte: Johannes Richter, ergänzt durch Informationen aus: W. Stüven – Orgel und Orgelbau im Halleschen Land vor 1800, Breitkopf&Härtel, Wiesbaden 1964
Kirchengeschichte: Johannes Richter, basierend auf mündlichen Informationen von M. Bröker

Glockenvideo von Johannes Richter auf dem Youtube-Kanal JRorgel

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