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Orgel: Salzatal / Salzmünde-Schiepzig – St. Helena

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Gebäude oder Kirche

St. Helena

Konfession

Evangelisch

Ort

Salzatal / Salzmünde - Schiepzig

Postleitzahl

06198

Bundesland / Kanton

Sachsen-Anhalt

Land

Deutschland

Bildergalerie + Videos

 

Salzatal/Salzmünde-Schiepzig (D-ST) – ev. Kirche St. Helena – Läuten der Glocke (Turmaufnahme)



Bildrechte: Datenschutz

Orgelgeschichte

1712 Neubau einer Orgel durch Heinrich Tiensch/Löbejün mit einem Manual ohne Pedal, 7 Register.
1795 Aufstellung einer Orgel mit 11 Registern auf einem Manual mit Pedal durch Johann Gottfried Kurtze
1879 Reparatur dieser Orgel durch E. Bennemann
1884 Neubau einer zweimanualigen Orgel mit 13 Stimmen als vorderspieliges mechanisches Werk durch die Werkstatt Wilhelm Rühlmann (Zörbig) als Opus 61. Die Orgel ist in Prospekt und Disposition bis auf Octave 2′ identisch zu Landsberg/Zwebendorf (Opus 60).
1917 Abgabe der Prospektpfeifen, in der Folge wird die Orgel nicht mehr gespielt – ein Harmonium wird vor dem Spieltisch aufgestellt.
Um 1930 Ersatz der Prospektpfeifen durch Zink, die Arbeiten führte die Erbauerwerkstatt aus.
Um 1960 Einbau eines elektrischen Winderzeugers. Durch mangelnde Pflege wird die Orgel in den folgenden Jahrzehnten immer weiter unspielbar.
2021 das Instrument ist stark verschmutzt und teilweise beschädigt und komplett unspielbar, jedoch vollständig erhalten und restaurierbar.

Die Rühlmann-Orgel Opus 61 in Schiepzig ist ein klassisches Beispiel für eine hochromantische, mitteldeutsche Dorforgel. Der oft an Rühlmann und auch seinen Lehrmeister Friedrich Ladegast getätigte Vorwurf, man würde Orgeln nach Schema und quasi industriell fertigen, ist anhand dieser Orgel gut nachzuvollziehen. Das mechanische Werk ist sowohl in der fünffeldrigen Ausführung des Gehäuses mit drei großen und zwei kleinen Rundbogenfeldern, als auch in der Disposition exakt baugleich zu der im selben Jahr entstandenen Orgel in Zwebendorf. Der einzige Unterschied besteht darin, dass dort, wo in Zwebendorf der Registerzug mit “Vacat” beschriftet ist, in Schiepzig eine Octave 2′ steht. Vermutlich wurde in Zwebendorf dieses Register dann doch eingespart, wobei das Vorhandensein des Registerzuges an dieser Stelle dort die Planung dieser Stimme beweist. Die drei Werke stehen alle auf mechanischen Schleifladen, vorne das Hauptwerk, dahinter das zweite Manual, darunter das Pedalwerk mit seinen zwei Registern. Alle Windladen sind in C- und Cis-Seite geteilt. Das Hauptwerk besitzt ein schmales Wellenbrett.
Die Disposition entspricht der des “geteilten Hauptwerkes” – aus einem stark besetzten Manualwerk werden einige differenzierende Stimmen ausgesondert und auf ein eigenes Manual verlegt, um die Vielseitigkeit der Orgel zu erhöhen. Das Hauptwerk ist klar als Forte-Manual konzipiert mit einem Principalchor von 8′ bis 2′ samt bekrönender, sich einschmiegender Mixtur, grundiert durch einen fülligen Bordun 16′, abgestuft durch zwei Charakterstimmen (Streicher und Flöte) für begleitendes oder solistisches Spiel, die gleichzeitig den Principalklang weiter auffüllen. Ein Gedackt 4′ sorgt im Flötenbereich für Aufhellung. Das zweite Manual – klar als Neben- bzw. Begleitwerk konzipiert – besitzt zwei romantische Charakterstimmen als Flöte und Streicher, die diejenigen des Hauptwerkes begleiten oder als Echo gegen sie eingesetzt werden können, sowie eine leise, weiche Flöte 4′. Das Pedal ist schließlich mit zwei Registern auf die Stützfunktion reduziert, alle weiteren Optionen hält die Pedalkoppel offen. Über klangliche Details kann der Autor leider keine Worte verlieren, das Werk ist seit Jahren unspielbar. Bemerkenswert ist die praktische und überlegte Anlage des Spieltisches. Auf der linken Seite, also in der Hand, die man beim Orgelspiel u.U. auch einmal frei hat, befinden sich die Registerzüge der Principale, also der Forte-Stimmen, sowie die Koppeln und der Bordun 16′ – quasi das volle Werk. Auf der rechten Seite hingegen befinden sich die Charakter- und Füllstimmen, welche in der damaligen Praxis sicher nicht so oft umregistriert wurden wie die Principalstimmen – diese zweckmäßige Anlage kennzeichnet viele Rühlmann-Orgeln, sodass eine schnelle und intuitive Registrierweise gegeben ist.
Der Zustand des einst, wie man an den in Zwebendorf angeführten Klangbeispielen sehen kann, so prachtvollen Werkes ist heute bedenklich und schlecht. Zwar ist das Pfeifenwerk vollständig erhalten und auch nicht mutwilligem Vandalismus anheim gefallen, doch durch starke Verschmutzung, herabfallenden Putz und Farbe von der Decke stark in Mitleidenschaft gezogen. Teilweise liegen Staub und Dreck zentimeterhoch in der Orgel. Die Traktur ist an diversen Stellen beschädigt, Döckchen sind gebrochen, Filze hart geworden und Reguliermuttern beschädigt. Der elektrische Winderzeuger funktioniert nicht mehr, die Balganlage ist an einigen Stellen undicht und von Mäusen angefressen worden. Die einst (wie in Zwebendorf erlebbar) so prächtige Orgel zeigt sich heute nur als stummer Abglanz ihrer selbst, als einfaches Einrichtungsstück der höchst selten genutzten Kirche. Hoffen wir, dass zumindest eine Instandsetzung erfolgen wird und dem wertvollen Werk wieder einige Klänge entlockt werden können!

Disposition

 

Disposition der heutigen Rühlmann-Orgel

Manual I – Hauptwerk C – f”’

Bordun 16′

Principal 8′

Hohlflöte 8′

Viol.di Gamb. 8′

Octave 4′

Gedackt 4′

Octave 2′

Mixtur 3 fach

Manual II – Oberwerk C – f”’

Liebl. Ged. 8′

Salicional 8′

Flaut.amab. 4′

Pedal C – d’

Subbaß 16′

Princ. Baß 8′

 

Disposition der Orgel von Heinrich Tiensch (1712)

Manual (Umfang unbekannt)

Grobgedackt 8′

Kleingedackt 4′

Principal 2′

Terz 1 3/5′

Quinte 1 1/3′

Sifflöte 1′

Mixtur 2f.

Disposition der Orgel von Johann Gottfried Kurtze (1795)

Manual (Umfang unbekannt)

Gedackt 8′

Flöte 8′

Prinzipal 4′

Gemshorn 4′

Quinte 2 2/3′

Octave 2′

Mixtur 2fach

Cornett 4fach

Pedal (Umfang unbekannt)

Subbaß 16′

Violon 8′

Violon 4′

 

Spielhilfen

Als Registerzüge links: Pedal-Copp. [I/P], Manual-Copp. [II/I], Calcant [außer Funktion]

Gebäude oder Kirchengeschichte

10. Jahrhundert Errichtung einer Kapelle zu Missionszwecken.
13. Jahrhundert Errichtung einer Bruchsteinkirche mit dem für Mitteldeutschland ungewöhnlichen Patrozinium der Hl. Helena.
1484 Guss der heutigen Glocke durch einen “Gussmeyster” mit dem Namen “Gapfrer” oder “Gassner”.
18. Jahrhundert Einbau der Empore.
1727 Bemalung der Emporenfelder durch Carl Prinz.
1828 Kirchenbrand, anschließend leichte Erweiterung der Kirche nach Norden, neue Inneneinrichtung, Anfügung des Südanbaus und neue Fenster.
1874 Sanierung der Kirche.
1917 Abgabe einer Glocke zu Rüstungszwecken.
1963 Umhängen der Glocke an ein geschweißtes Kröpfjoch.
Ab etwa 1975 nahezu keine Nutzung der Kirche – Verfall des Bauwerkes.
Bb 1990 Renovierung der Kirche, u.a. Neueindeckung des Daches und des Turmes.
2004 Wiedereinweihung der Kirche mit einem Festgottesdienst.
2019 Einbau einer elektrischen Uhr samt neuem Schlagwerk auf zwei Klangschalen.

Die Helenakirche in Schiepzig steht auf einer Anhöhe über dem Dorf. Das im Kern romanische Bauwerk ist als einschiffige Saalkirche in Bruchsteinbauweise ausgeführt, im Westen schließt sich ein quadratischer Westquerturm an, der romanische Schallarkaden besitzt. Darauf wurde ein Pyramidendach mit Dachgauben aufgesetzt, welche die Ziffernblätter der Uhr tragen. An der Ostseite zeigt ein deutlicher Absatz im Mauerwerk die Erweiterung der Kirche um etwa 1,5m nach Norden, an der Ostfront durchbrechen zwei kleine Spitzbogenfenster das Mauerwerk, die anderen Fenster des Kirchenschiffes sind als Rechteckfenster ausgeführt. Der Anbau auf der Südseite, durch den man heute die Kirche betritt, wurde im 19. Jahrhundert eingefügt. Im Inneren zeigt sich der Raum bäuerlich-schlicht und liebevoll eingerichtet. Der kleine, schmale Kanzelaltar besitzt schlicht geschnitzte Akanthuswangen, die jeweils eine beschriftete Zierkartusche beinhalten, sowie den polygonalen und nicht verzierten Kanzelkorb flankierende korinthische Pilaster mit goldenen Kapitellen. Ein Gesims schließt darüber Kanzelkorb und Altar ab. Ein schlichter Schalldeckel mit flacher floraler Schnitzzierde ist darauf aufgesetzt und im Inneren eine Zierkartusche in achteckiger Form. Der schlichte, niedrige Raum wird von einer weiß gefassten Kassettendecke überspannt, die für Dorfkirchen im Saalekreis nicht zwingend typisch ist.
Links und rechts des Altars befinden sich zwei kleine, heute schlicht-braun gefasste Logen ohne Zierde. Der achteckige Taufstein entstammt der Zeit um 1874, er ist in polygonalen Formen mit Zierfriesen ausgeführt. Die Empore umläuft u-förmig den Raum und ist sehr einfach und “dörflich” ausgeführt. Ihre rechteckigen Flachfelder zieren diverse biblische Malereien, die einem ikonografischen Zyklus gleichkommen. Die Gestaltung des Innenraumes vermittelt einen Eindruck des in Dörfern gelebten Glaubens und der Frömmigkeit in dieser Zeit, sich durch liebevolle und detailreiche Ausmalung und Ausstattung ein Stück des Himmels auf die Erde zu holen. Leider kann dieser Raum nicht mit Klang gefüllt werden, doch hoffen wir, dass seine Nutzung bald wieder eine regere wird als bisher – die Atmosphäre des Raumes wäre ein Erleben in jedem Falle wert!

Anfahrt

Quellenangaben


Orgelbeitrag erstellt von:

Dateien Bilder Kirche und Orgel: Johannes Richter
Orgelgeschichte: Johannes Richter, ergänzt durch Informationen aus: W. Stüven – Orgel und Orgelbauer im Halleschen Land vor 1800, Breitkopf und Härtel/Wiesbaden, 1964
Kirchengeschichte: Johannes Richter, ergänzt durch mündliche Informationen durch Pfarrer Bröker
Historische Dispositionen entnommen aus: W. Stüven – Orgel und Orgelbauer im Halleschen Land vor 1800, Breitkopf und Härtel/Wiesbaden, 1964, S.54, S.84

Glockenvideo von Johannes Richter auf dem Youtube-Kanal “JRorgel”

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