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Orgel: Salzatal / Höhnstedt – St. Lucia und St. Ottilie

Gebäude oder Kirche

St. Lucia und St. Ottilie

Konfession

Evangelisch

Ort

Salzatal / Höhnstedt

Postleitzahl

06198

Bundesland / Kanton

Sachsen-Anhalt

Land

Deutschland

Bildergalerie + Videos

 

Salzatal / Höhnstedt (D-ST) – ev. Kirche St. Lucia und St. Ottilie – Einzel- & Vollgeläut (Turmaufnahme)



Bildrechte: Datenschutz

Orgelgeschichte

Schon in einer der alten Vorgängerkirchen wird eine Orgel vorhanden gewesen sein, über diese ist allerdings nichts mehr zu ermitteln.

1832 Neubau der mechanischen Orgel durch Friedrich Wilhelm Wäldner aus Halle/Saale als vorderspielige große Schleifladenorgel mit 24 Registern auf zwei Manualen mit mittig fest eingebautem Spieltisch.
Andere Quellen besagen Neubau 1833 durch Voigt (Polleben). Ausgegangen wird von einer Autorschaft Wäldners, jedoch der weite Manualumfang spricht gegen ihn – Dispositionsprinzip und Bauweise (Sperrventile etc.) aber nicht.
1917 Abgabe der Prospektpfeifen.
1934 Überholung der Orgel durch Furtwängler & Hammer, dabei Einbau neuer Prospektpfeifen aus Zinn. welche heute noch vorhanden sind.
1960er Jahre tiefgreifende Dispositionsänderungen durch einen unbekannten Orgelbauer/Organisten. Gegen einen Orgelbauer spricht das schlichte Überkleben der Register mit Papier, auf das mit Tinte der neue Registername geschrieben wurde.

2021 Das Oberwerk ist abgestellt und ausgebaut. Die Pfeifen sind teilweise in der Orgel gelagert – HW und Pedal spielbar, aber stark verstimmt.

Die Wäldner-Orgel in Höhnstedt in ihrem beeindruckenden freistehenden klassizistischen Gehäuse teilt das traurige Schicksal vieler Instrumente im Saalekreis: geplagt von Umdisponierung, mangelnder Pflege, Vernachlässigung und weniger Benutzung zeigt sich das beeindruckende Werk heute nur noch in einem Abglanz seiner ursprünglichen Pracht. Der Prospekt zeigt dabei mit zwei hohen seitlichen Feldern und zwei übereinander angeordneten Flachfeldern in der Mitte Anleihen an das Werkprinzip, wobei im Prospekt Principal 8′ HW und Principal 4′ OW zu stehen kamen. Die Prospektpfeifen mit den aufgeworfenen Labien sind dabei untypisch für Wäldner und sind wahrscheinlich 1934 durch Furtwängler eingebaut worden. Im Inneren zeigt sich das Werk klassisch aufgebaut. Die Manuale sind übereinander angeordnet und in C/Cis-Seite geteilt, beide Werke besitzen eigene Wellenbretter, wobei die Pfeifen des Oberwerkes heute unter der HW-Lade liegen. Hinter dem Stimmgang ist das hinterständige Pedalwerk, ebenfalls C/Cis-geteilte zu finden. Der Spieltisch ist klassisch strukturiert – die äußere und mittlere Reihe besetzen die Manubrien für HW und Pedal, das OW ist mit den inneren Registerzügen zu betätigen. Die Sperrventile sind dabei leicht erreichbar unten links angeordnet. Die Registerschilder sind zeittypisch kursiv beschriftet. Die Umdisponierung erfolgte auf sehr “rustikale” Weise, indem scheinbar recht rigoros am Pfeifenwerk gearbeitet und damit der Klangcharakter stark entstellt wurde. Am Spieltisch wurde die Umdisponierung dabei durch schlichte Papieraufkleber auf den Registerschildern mit Beschriftung in blauer Tinte kenntlich gemacht, wobei sich manchmal schlicht auf die Bezeichnung ohne Fußtonzahl (bsp. “Oktave”, “Salicional” im OW) beschränkt wurde, was die Durchschaubarkeit beim Spielen nicht gerade verbessert. Teilweise wurde die Manualbezeichnung für Manual I mit Bleistift neben die Registerzüge geschrieben, die Farbfassung des Spieltisches ist heute sicherlich nicht mehr original – Wäldner verwendete stets poliertes Furnier. Im OW scheinen fast alle Register verändert worden zu sein, die Registerschilder weisen deutliche Spuren auf, leider sind die Aufkleber heute zum Großteil verschwunden. Das Werk wurde dabei weitestgehend in seinem Charakter mehrheitlich entstellt und verstümmelt, wozu der heutige schlechte Zustand noch beiträgt. Das Werk zeigt nicht mehr viel Klangkraft oder Variationsmöglichkeiten. Tragfähig und singend zeigt sich der Principal, noch recht fern von romantischer Massigkeit eines Rühlmann- oder Ladegast-Principales. Fein und rund ist die Flöte des Hauptwerkes, in einem Abglanz leuchtend die Klangkrone, anzureichern durch diverse (verstimmte) Aliquoten. Das Pedal trägt dabei gut – Choralbass 4′ ist nicht überaus klangstark, Quinte 5 1/3′ macht mit dem 8′ zusammen einen interessanten Effekt, der aber bei stärkerer Registrierung verloren geht. Die technische Anlage funktioniert dabei abgesehen von ausgeschlagenen Filzen und einem sehr lauten Windmotor (der eher an eine Turbine denn an ein Gebläse erinnert) einwandfrei. Es gibt weder Heuler noch Durchstecher oder Hänger, alle Töne funktionieren abgesehen von den Verstimmungen und sind spielbar – lediglich das Oberwerk ist stumm. Die Wäldner-Orgel in Höhnstedt, eigentlich ein bedeutendes Zeugnis ihrer Zeit, ist heute nur noch ein Schatten Ihrer selbst. Möge diesem Instrument noch eine sichere Zukunft beschieden sein!

Disposition

Originale Disposition 1832/33

I – Hauptwerk C – f”’

Bourdon 16 Fuß.

Principal 8 Fuß.

Gedackt. 8 Fuß.

Flachflöte 8 Fuß.

Hohlflöte 8 Fuß.

Salicional 8 Fuß.

Octave 4 Fuß.*

Gedackt. 4 Fuß.

Octave 2 Fuß.

Quinte. 1 1/2′

Mixtur. 4 Fach.

 

II – Oberwerk C – f”’

Rohrfloete 8 Fuß.

Quintatoena 8 Fuß.

Flöte traverse 8 Fuß.

Viola di Gambe. 8 Fuß.

Principal 4 Fuß.

Flauto amab. 4 Fuß.

Spitzfloete 2 Fuß.

Cornett 4 Fach.

Pedal C – c’

Subbass 16 Fuß.

Violon. 16 Fuß.

Principalbaß. 8 Fuß.**

Violoncello 8 Fuß.

Posaunenbaß 16 Fuß.

 

*Registerschild verschwunden, das Vorhandensein einer Octave 4′ im HW erscheint dem Autor aber sinnvoll.

** Registerschild abgefallen, aber vorhanden.

Disposition Stand 2021 (Schreibweisen vom Autor angeglichen)

I – Hauptwerk C – f”’

Bourdon 16′

Principal 8′

Hohlflöte 8′

Gedackt 8′

Octave 4′

Gedackt 4′

Quinte 2 2/3′ (statt Flachfl. 8′)

Oktave 2′ (statt Salicional 8′)

Terzflöte 1 3/5′ (statt Quinte 1 1/3′)

Oktave 1′ (statt Octave 2′)

Mixtur 4fach

 

II – Oberwerk C – f”’ (abgestellt, nicht spielbar)

Gedackt 8′ (statt Gambe 8′)*

Rohrfloete 8’*

Salicional 8′ ( aus HW umgesetzt auf Flauto trav. 8′)

Principal 4′

Flauto amab. 4’*

Nasat 2 2/3′ (statt Quintad. 8′)

Spitzfloete 2’*

Principal 2′ (statt Cornett 4fach, aus Cornett entnommen)

Pedal C – c’

Subbass 16′

Bourdonbaß 16′ (statt Violon 16′)

Principalbaß 8′

Quintbaß 5 1/3′ (statt Cello 8′)

Choralbaß 4′ (statt Pos.16′)

*= Die Registerschilder weisen (durch unterschiedliche Ausbleichung) Spuren von Überklebungen auf, die heute aber nicht mehr erhalten sind. Durch den Ausbau der Pfeifen des OW sind diese Register nicht mehr genau zu rekonstruieren.

Spielhilfen

Als Registerzüge links unten, von außen nach innen:
P. Ventil., H. Ventil., O. Ventil. [Sperrventile für alle drei Werke]

Als Registerzüge rechts, oben mittig und unten außen:
Manual=Coppel. [II/I], Pedal Coppel. [I/P]

Gebäude oder Kirchengeschichte

15. Jahrhundert: Es sind drei Kirchen im Ort vorhanden, von denen zwei profaniert, als Stallanlage genutzt und abgerissen werden.
1484 Bau einer neuen Kirche am heutigen Ort (Fund eines Steins mit dieser Aufschrift beim Abriss der Kirche).
1582 Nachweis des Patroziniums der Hl. Lucia von Syrakus und Ottilia von Köln
1829 Abriss der alten Kirche
1830 – 1832 Neubau der heutigen Kirche nach Plänen von Johann Justus Peter Schulze (Halle/Saale) im Tudorstil bzw. neogotischen Stil. Andere Quellen nennen 1820 als Abrissjahr und für 1831 die Fertigstellung der Kirche.
1887 Guss dreier Glocken durch Ulrich (Laucha).
1917 Abgabe zweier Glocken.
1961 Guss zweier neuer Glocken durch Schilling & Lattermann aus Eisen – Nominale des”/es”.
2004 Guss einer neuen Glocke 3 bei Lauchhammer – Nominal f”. Die kleinste Eisenglocke dient heute als Schlagglocke.

Die Kirche St. Lucia und St. Ottilie, deren Festtage beide am 13.Dezember liegen und damit auf eine mögliche Kirchweihe hinweisen, zeigt sich als bemerkenswerter Bau im neugotischen Stil mit Tudor-Elementen. Das Innere ist kreuzförmig angelegt, die Kreuzarme sind dabei von Tonnengewölbe überwölbt, welche dabei in der Mitte zu einem Kreuzgewölbe zusammen laufen, das die ganze Kirche und den weiten Saal des einschiffigen Raumes überspannt.
Im Westen befindet sich angeschlossen der Turm mit seinem achteckigen Glockengeschoss. Bemerkenswert ist die Anlage des Kircheninnenraums: der Altar steht im Westen an der Turmwand, erhöht auf Stufen, die Orgel dafür im Osten (!). Das ist durchaus ein Unikat im Saalekreis. Der Innenraum ist dabei recht weiträumig und das Gewölbe in den Streben dezent farbig gegliedert. Das gesamte Innere ist in hellem weiß gehalten, der Himmel wird über dem Altar in schlichtem Pastellblau stilisiert. Durch Halbkreisfenster im Osten, Westen und Norden fällt Licht in den Raum. Der Altaraufsatz zeigt in einem geschnitzten Holrahmen ein Bild des betenden Christus und einem Engel, durch 5 Stufen erhöht erfährt das Bild eine besondere Erhebung. Gerahmt wird der Altar durch eine mit farbigen Rechteckfeldern aufgelockerte Loge, an die sich rechts die schlichte polygonale Kanzel anschließt, welche keinen Schalldeckel besitzt. Die umlaufende halbrunde Empore umschließt dabei den Raum und ist leicht ansteigend gehalten. Auf ihr befindet sich das Orgelwerk. Die Kirche in Höhnstedt ist ein sehr beeindruckendes und originelles Bauwerk mit einer Sonderstellung im Saalekreis, hervorgehoben auch durch die erhabene Lage am Hang.

Anfahrt

Quellenangaben


Orgelbeitrag erstellt von:

Dateien Bilder Kirche und Orgel: Johannes Richter
Orgelgeschichte: Johannes Richter
Kirchengeschichte: Wikipedia, ergänzt durch Informationen von Gemeindegliedern

Glockenvideo von Johannes Richter auf dem Youtube-Kanal JRorgel

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