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Orgel: Salzatal / Beesenstedt – St. Johannes

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Gebäude oder Kirche

St. Johannes

Konfession

Evangelisch

Ort

Salzatal / Beesenstedt

Postleitzahl

06198

Bundesland / Kanton

Sachsen-Anhalt

Land

Deutschland

Bildergalerie + Videos

 

Salzatal/Beesenstedt (D-ST) – ev. Kirche St. Johannes – Glocke (Turmaufnahme)



Bildrechte: Datenschutz

Orgelgeschichte

Ab etwa 1720 ist eine Orgel in der Kirche vorhanden, ihr Erbauer kann nicht ermittelt werden.
1730/31 Reparatur der Orgel.
1791 Hauptreparatur durch einen Orgelbauer Schneider.
1815 Reparatur durch Gottlob Voigt/Eisleben.
1889 erste Neubauanschläge für Orgel.
1902 Neubau einer pneumatischen Kastenladenorgel als Opus 240 mit frontal angebautem Spieltisch durch Wilhelm Rühlmann (Zörbig) II/16.
1917 Abgabe der Prospektpfeifen aus Zinn.
1920er Jahre Ersatz durch Zinkpfeifen durch die Erbauerwerkstatt.
2006 Reparatur der Orgel durch Thomas Schildt/Halle.

Die Rühlmann-Orgel in der evangelischen Kirche zu Beesenstedt ist ein klassisches Instrument ihrer Zeit. Der weiß gehaltene, sich dezent in den Raum einfügende Prospekt besitzt drei große Flachfelder, über dem Mittleren ist in seinem gerundeten Giebel ein Kreuz zu sehen. Die beiden seitlichen Felder tragen spitze Giebel mit gelblichem Zierfeld – Pilaster gliedern die einzelnen Pfeifenfelder und geben der Schaufront eine senkrechte Betonung. Das Gehäuse scheint dabei keine 16 Register beherbergen zu können – schon allein deswegen nicht, weil es bis an die über der Orgel recht niedrige Decke reicht. Doch dieser Eindruckt täuscht – betrachtet man die Orgel seitlich, so bemerkt man die immense Tiefe dieses Gehäuses, das die Orgel bis in den Turmraum hinein reichen lässt. Rühlmann, ganz als Pragmatiker, verlagerte die Proportionen – statt hoch eben tief und breit. Dass trotzdem “auf Kante” genäht werden musste, sieht der Betrachter an den diversen, teilweise mehrfach verkröpften Holzpfeifen, die an der Seite des Gehäuses sichtbar sind. Die silbern broncierten Prospektpfeifen geben der Orgel in der ansonsten eher weiß gehaltenen Kirche einen geheimnisvollen Glanz. Im Inneren stehen tatsächlich 16 vollständige Register auf zwei Manualen hintereinander gestaffelt, die Windladen liegen dabei relativ niedrig über der Erde. Vorne steht das zweite Manual, dahinter das erste, dahinter als Rückwand der Orgel das Pedalwerk. Alle Laden sind chromatisch aufgeteilt.
Bemerkenswert ist, dass viele Pfeifen, die Rühlmann später schlicht gedeckt gebaut hätte, hier offen und dann mehrfach gekröpft gebaut worden sind. Vielleicht geschah dies aus dem praktischen Ansinnen der besseren Stimmbarkeit – denn viele Pfeifen schließen quasi unmittelbar mit der Kirchendecke ab.
Klanglich zeigt sich die Orgel als typisches Werk ihrer Erbauerwerkstatt, zeigt mit ihren 16 Registern aber auch, dass das Dorf zum Zeitpunkt des Baus über nicht unerhebliche finanzielle Mittel verfügte – zum Vergleich: Die Orgel der Kirche Müllerdorf ist in einem wesentlich größeren Raum mit 10 Registern deutlich kleiner – andererseits ist der Raum dort deutlich weniger trocken, trägt den Klang besser. In Beesenstedt waren wegen des reichlich verwendeten Holzes der Inneneinrichtung wohl auch mehr Grundstimmen nötig. Nichtsdestotrotz – eine Orgel von 16 Registern wäre in diesem Raum nicht unbedingt zu erwarten. Das erste Manual ist als Forte-Manual mit den starken Principalstimmen zu 8 und 4 Fuß sowie einer golden strahlenden Mixtur angelegt. Alle Principale sind dabei kräftig, voll, rund, aber ohne indifferent oder mulmig zu wirken. Ein Bordun 16′ sorgt für Fülle und Gravität, zwei Farbstimmen der Achtfußlage als volle, runde, tragfähige Flöte und als schneidend silbrig-melancholische Gamba runden das Grundstimmenspektrum ab. Eine 4′-Flöte, die recht hell und mit etwas härterer Ansprache intoniert ist, sorgt für Aufhellung. Das zweite Manual erhält durch einen singend obertonreichen und doch weichen Geigenprincipal Gewicht, kann so auch bei obligatem Spiel als Begleitmanual fungieren zumal es durch die Lage ganz vorne hinter dem Prospekt eine größere Präsenz hat als das Hauptwerk. Hier zeigt sich Rühlmanns musikalisch-praktisches Denken im liturgischen Kontext. Dem Geigenprincipal sind einige romantische Charakterstimmen zur Seite gestellt, die das Werk füllen und Farbe und Fülle schaffen: ein stilles, warm-dunkles Gedeckt 8′, eine offene, präsente, warme und perlende Flöte, ein sanft-streichendes Salicional und eine leicht schwebend ätherische Vox celeste, die für entrückte und geheimnisvolle Klänge sorgt. Eine etwas spuckend spielfreudige Rohrflöte 4′ sorgt für Aufhellung. Das zweite Manual kann gleichsam als Farb-, Solo- und Begleitmanual fungieren. Das Pedal grundiert mit seinen drei starken Registern den Klang. Der Subbaß ist voll, rund und trägt gut. Principal 8′ sorgt für Kontur und Zeichnung, der Gedecktbaß füllt den Klang und ist als Aufhellung für leise Registrierungen gut geeignet. Die Mischungen sind mannigfaltig und ausgewogen, nichts dröhnt oder ist hart. Der Klang ist stets edel, orchestral, mischfähig, tragfähig, gravitätisch und voll und zeigt die große Meisterschaft seines Erbauers.
Der Zustand des Werkes ist gut und spielbar, gleichwohl einige Registereinschaltungen Defekte aufweisen. Das Werk ist frei von Staub oder Holzwurm. Die Orgel wird viel und gern in Gottesdienst und Konzert genutzt und spricht mit jeder Pfeife glücklich von der Reparatur und von dem großen Können ihrer Erbauer. Es ist ein großes Glück, dass sich dieses Instrument an diesem Ort erhalten hat, um zu zeigen, dass Rühlmanns Orgeln an jedwedem Platz ihrer Aufgabe als Dienerin der Liturgie vollumfänglich nachkommen und gerecht werden können.

Disposition

Manual I – Hauptwerk C – f”’

Bordun 16′ (durchg. Holz, gedeckt) 

Principal 8′ (C-H Holz, offen, mehrfach gekröpft, ab c° Zinn, offen) 

Hohlflöte 8′ (C-H Holz, gedeckt, ab c° Holz, offen, ab f” Zinn, offen)

Gamba 8′ (C-H Holz, offen, ab c° Zinn) 

Octave 4′ (durchg. Zinn, offen) 

Flöte 4′ (Holz, offen, ab c” doppelte Länge) 

Mixtur 3&4f. (2′, ab c° 4fach)

Manual II – Oberwerk C – f”’

Geigen principal 8′ (C-H Holz, ab c° Zinn, offen) 

Liebl. Gedackt 8′ (durchg. Holz, gedeckt) 

Flauto trav. 8′ (C-H Holz gedeckt, abc° Holz, offen, ab c” offen, Zinn)

Salicional 8′ (C-H Holz, gedeckt, ab c° Zinn, offen) 

Voix celeste 8′ (ab c°, Zinn)

Rohrflöte 4′ (durchg. Metall, C-h’ Rohrflöte, ab c” offen) 

Pedal C – d’

Subbaß 16′ (Holz, gedeckt)

Principal baß 8′ (Holz, offen)

Gedackt baß 8′ (Holz, gedeckt) 

 

Spielhilfen

Als Registerschalter mittig, von links: Manual coppel [II/I], Pedal coppel z.M.I, Pedal coppel z.M.II., Octav coppel [II/I super], Volles Werk
Als Registerschalter ganz rechts: Calcant [heute außer Funktion]

Gebäude oder Kirchengeschichte

Um 1200 Gründung einer ersten Steinkirche, ein Vorgängerbau datiert möglicherweise in karolingische Zeit.
13. Jhd. Guss der heutigen Glocke durch einen unbekannten Gießer (Nominal: g’)
1611 Bericht über schlechten Zustand der Kirche.
1802 Einsturz der Kirche.
Bis 1815 Neubau am heutigen Ort.
1865 Erhöhung des Kirchturms.
1902 Umbau der Kirche, dabei Anbau des Chors und Einbau einer neuen Inneneinrichtung. Guss zweier neuer Glocken durch Ulrich/Laucha.
1917 Abgabe der zwei Ulrich-Glocken.
1970 Neueindeckung der Kirche und Sanierung des Äußeren.
1974 farbliche Neufassung des Innenraumes.
2010 Erneuerung der Glockensteuerung und Einbau eines neuen Klöppels samt neuem Holzjoch.

Die evangelische Kirche in Beesenstedt ist ein bemerkenswertes Gebäude zentral auf einem Platz gelegen, gleichwohl durch ihre niedrige Gestalt und die umliegenden Bäume nicht sofort zu erkennen. Das Bauwerk ist im klassizistischen Stil aus Bruchsteinen erbaut und zeigt die Formen eines Kreuzes. Das Kirchenschiff ist recht breit gezogen und vermittelt fast den Eindruck einer 90°-Drehung desselben. Im Osten ist ein dreiseitiger apsisartiger Chorraum angefügt, der drei Halbbogenfenster Zeigt. Im Westen ist der Turm angefügt, er steht auf rechteckigem Grundriss und besitzt eine angedeutete Schweifhaube mit spitzem Helm. Die Fenster der niedrig gelegenen Glockenstube sind wie alle anderen Fensteröffnungen des schlichten Äußeren als Rundbogenfenster ausgeführt, deren Bögen durch Sandstein abgesetzt sind. Turm, Altarraum und Kirchenschiff erzeugen dabei den Grundriss eines Kreuzes mit recht breitem Querbalken, sodass man von einer Kreuzkirche sprechen kann, gleichwohl das Kreuz eigentlich um 90 Grad gedreht ist – dies ist durch die Umbauung und die Beschaffenheit des Bodens um die Kirche herum bedingt. Das Innere zeigt sich breit gezogen, von geringer räumlicher Tiefe und wirkt deswegen etwas verwirrend auf den Betrachter. Eine schlichte Holzdecke überspannt den niedrigen Raum – einzelne Dachgauben lassen Licht von oben in die Kirche fallen. Im Zentrum des Blickes liegt die Apsis, die ein Kreuzgratgewölbe besitzt. Ihre drei Buntglasfenster zeigen die drei Eckpunkte aus dem Leben Jesu – von links Geburt (mit Maria und Joseph) – Kreuzigung im Zentrum, rechts die Auferstehung. Unter den Bildern ist jeweils ein Bibelwort eingelassen. Unter dem mittleren Fenster ist eine Sakramentsnische aus gotischer Zeit eingebaut, die noch aus der alten Kirche stammt und eine hölzerne Tür besitzt. Die Kanzel in historistischen Formen ist dunkel lasiert und auf mehrfach mit Gesimsen verzierten, quadratischem Fuß stehend. Die Zierfelder am Kanzelkorb sind als schlichte Zierspiegel ausgeführt und ohne weitere Motivik, nur mit einem Goldrand versehen. Die Kanzel besitzt dabei ein nicht unerhebliches Ausmaß. Eine Figur des Kirchenpatrons, aus Holz geschnitzt, ist an der Nordseite des Altarraums angebracht. Die Fenster des Kirchenschiffes sind teilweise aus Buntglas ausgeführt, welches sich aus verschiedenfarbigen Rechtecken zusammensetzt. Die Empore umläuft eingeschossig fast den gesamten Raum, nur die Ostseite ist ausgespart. Ihre stützenden Pfeiler aus Holz, die achteckig ausgeführt sind, reichen bis unter die Decke und zeigen angedeutete Kapitelle. Auch die Stützen der Empore besitzen farblich abgesetzte Kapitelle, die Pfeiler an sich sind in einem Ockerton gehalten. Die Empore ist teilweise nach hinten aufsteigend aufgebaut und erhöht damit die Platzkapazitäten des Zentralbaus. Ihre rechteckigen Flachfelder sind heute schlicht weiß, von ockernen Rahmen umgeben. Der Raum ist ausgesprochen hell und vermittelt eine große Geborgenheit und ist durchaus sehenswert.

Anfahrt

Quellenangaben


Orgelbeitrag erstellt von:

Dateien Bilder Kirche und Orgel: Johannes Richter
Orgelgeschichte: Johannes Richter, eigene Sichtungen, ergänzt durch Informationen aus: W. Stüven – Orgel und Orgelbau im Halleschen Land vor 1800, Breitkopf&Härtel, Wiesbaden 1964
Kirchengeschichte: Johannes Richter basierend auf Aushängen in der Kirche

Videos von Johannes Richter auf dem Youtube-Kanal JRorgel

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