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Orgel: Querfurt / Liederstädt – Dorfkirche

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Gebäude oder Kirche

Dorfkirche

Konfession

Evangelisch

Ort

Querfurt / Liederstädt

Postleitzahl

06268

Bundesland / Kanton

Sachsen-Anhalt

Land

Deutschland

Bildergalerie + Videos



Bildrechte: Datenschutz

Orgelgeschichte

Über Vorgängerorgeln ist bis dato nichts bekannt. Angesichts der Tatsache, dass in der Region alle Kirchen ab etwa 1700 eine Orgel besaßen, steht zu vermuten, dass es auch hier eine Orgel gab.
1896 Neubau einer Orgel durch R.Knauf&Sohn aus Bleicherode als Opus 190 als vorderspielige pneumatische Kegelladenorgel II/10.
1917 Abgabe der Prospektpfeifen aus Zinn, später Ersatz durch Zinkpfeifen.
Um 1950 Einbau einer elektrischen Windmaschine.

Das Werk ist heute nahezu unspielbar, aber original erhalten.

Die Knauf-Orgel in Liederstädt, das 190. Werk der produktiven Firma aus Bleicherode, ist die einzige Orgel dieser Werkstatt im Kirchspiel Querfurt. Etwas nordwestlich in Niederröblingen befindet sich eine weitere, heute wieder fast unspielbare Knauf-Orgel. Das Werk verbirgt sich in einem dunkel gebeizten, neoromanischen Gehäuse, das in der Schaufront 5 Flachfelder besitzt und in den Turmraum hinein gebaut ist. Die Felder sind durch vorspringende Pilaster gegliedert. Über den drei mittleren Rundbogenfeldern befindet sich ein spitz zulaufender Giebel, der einen Dreipass mit Wappen und umlaufender Inschrift beherbergt. Die oberen Abschlüsse der großen seitlichen Felder sind flach und mit einem neoromanischen Ziergiebel versehen. Die drei mittleren Felder beherbergen Pfeifen des Principal 8′, die äußeren Felder sind zum Teil stumm – ein Teil besteht aus klingenden Pfeifen der Octave 4′. Alle Pfeifen besitzen Kerne, die Klingenden zudem Expressionen.
Das Innere zeigt sich mit zwei hintereinander angeordneten Windladen für die Manuale, die jeweils chromatisch aufgestellt sind. Hinten an der Rückwand des Gehäuses befindet sich das Pedal. Die Balganlage samt Motor befindet sich in der über der Orgel liegenden Etage des Turms.
Die Disposition besteht aus einem sichtlich starken Hauptmanual sowie einem zurückgenommenen Begleitmanual und dem grundierenden, stützenden Pedal. Das Hauptwerk besitzt als Fundament einen fülligen Bordun 16′, der ab F gebaut ist, sowie den für den großen Klang und die Kraft in einer eher kleinen Kirche wichtigen Principal 8′ nebst einer weiten, perlenden Hohlflöte gleicher Tonlage. Eine starke Octave 4′ sowie eine Progressivmixtur (meint: nach oben hin an Chorzahl zunehmend) auf 2 2/3′-Basis geben Strahlkraft und Glanz, ohne schreiend und aufdringlich zu sein. Das zweite Manual besitzt zwei Charakterstimmen – eine offene Traversflöte und eine schmale, schneidende Gambe, die beide auch als Soloregister fungieren können, sowie eine leise und helle Flöte 4′. Das Pedal wiederum stützt den Klang – der Principalbass 8′ gibt Kontur und Zeichnungsfähigkeit. Zur Zeit der Besichtigung war das Instrument kaum spielbar, nur wenige Töne ließen sich ihm entlocken. Bemerkenswert ist die “Collcetion” – Knaufs Bezeichnung für die freie Kombination, die durch die auf den ersten Blick gleichartigen Doppelzüge am Spieltisch etwas verwirrend angelegt ist.
Der Zustand der wertvollen und prächtigen Orgel ist heute sehr schlecht. Zwar ist das Werk original erhalten, aber durch diverse Fehler und Ausfälle in der pneumatischen Steuerung völlig unbenutzbar, kaum eine Taste funktioniert. Die Registratur ist fast vollständig ausgefallen, die Kollektivdrücker versagen jeden Dienst. Das Pedal ist gar nicht benutzbar, es funktioniert schlichtweg nicht. Das Innere ist zwar frei vom Holzwurm, aber stark verschmutzt und verstaubt. Teilweise sind Schäden an Pfeifen festzustellen. Die Filze am Spieltisch an den Registerzügen haben sich teilweise bereits aufgelöst, die Klaviaturen benötigen eine Regulierung und Austuchung, teilweise lassen sich Tasten gar nicht mehr bewegen. Es wäre wünschenswert, dass das wertvolle Werk mit seinem sicherlich einst prachtvollen Klang wieder auferstehen darf, zumal es die einzige Orgel der Thüringer Werkstatt im KSP Querfurt ist und damit eine Sonderstellung einnimmt.

Disposition

I – Hauptwerk C – f”’ (rosa)

Bordun 16′ (ab F)

Principal 8′

Hohlflöte 8′

Octave 4′

Progreßio 2 2/3′ 2-3f

 

II – Oberwerk C – f”’ (blau)

Gambe 8′

Flöte traversa 8′

Flöte 4′

Pedal C – d’ (grün)

Subbass 16′

Principal bass 8′

 

Spielhilfen

Als Collectivdrücker in der Vorsatzleiste unter Manual I (Schalter unten=ein/oben=aus):
Manual coppel [II/I], Pedal coppel [I/P], Collection [Freie Komb.], Forte [volles Werk]

Über den jeweiligen Registerzügen:
Züge für freie Kombination (Collection)

Gebäude oder Kirchengeschichte

13. Jahrhundert Errichtung einer romanischen Steinkirche mit quadratischem Westturm, dessen Untergeschoss erhalten ist.
Um 1275 Guss der heutigen Glocke durch einen unbekannten Gießer, Nominal g’.
17./18. Jahrhundert Umbauten und Reparaturen, Aufsatz des oktogonalen Glockengeschosses samt welscher Haube und Laterne.
1878 Überholung des Turmes, Aufsatz einer neuen Wetterfahne und Umbau des Kirchenschiffes.
1887 Guss einer neuen Glocke durch Ulrich/Laucha, die heute in der Kapelle zu Pretitz hängt, Nominal d”.
Nach 1990 Sanierung der Kirche und Neudeckung des Daches.
1917 Abgabe einer Glocke zu Rüstungszwecken, die Glocke kam letztendlich nach Pretitz in die Friedhofskapelle.
2010 Einbau einer neuen Glockensteuerung mit Linearantrieb.

Die Dorfkirche in Liederstädt ist ein für die Größe des Ortes beachtliches Gotteshaus, markant und gut sichtbar an der den Ort durchquerenden Hauptstraße gelegen. Die Kirche ist ein typischer einschiffiger Saalbau mit geradem Ostabschluss und eingezogenem Westturm auf quadratischem Grundriss, das Gotteshaus ist komplett aus großen Bruchsteinen mit sorgfältigen Verfugungen errichtet. Das Untergeschoss des Turms ist noch romanisch, auf ihm befindet sich eine oktogonale Glockenstube mit bekrönender welscher Haube und
Laterne sowie Turmknopf und Wetterfahne. Der gerade Ostabschluss besitzt eine rundbogige Tür, umrahmende schmale Spitzbogenfenster sowie zentral oberhalb ein rundes Fenster und darüber eine neoromanische kleine Doppelarkade. Kommt der Pfarrer also einmal zu spät, kann er den Raum hinter dem Kanzelaltar durch diese Tür also unbemerkt betreten… Ein zierender, sehr kleiner Dachreiter bekrönt den Ostabschluss. Das Kirchenschiff besitzt ein Satteldach mit zwei Dachgauben, Pilaster gliedern die Wände, die durch Rundbogenfenster mit bunter Verglasung durchbrochen sind. Das Innere zeigt sich durch die weißen Wände hell und freundlich, vom Farbenspiel der Buntglasfenster angenehm durchdrungen und von einer hölzernen Decke mit breiten Querbalken überspannt. Über dem Kanzelaltar ist zentral ein kreisrundes Fenster angebracht, das ein in Buntglas gefasstes Kreuz zeigt. Links unterhalb ist auf der Wand in rot ein Kugel- bzw. Weltenkreuz zu sehen, rechts befindet sich in Fraktur der Spruch: In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden. Ob diese etwas provisorische Malerei dadurch zustande kam, dass kein großer Altar gefertigt wurde, ist nicht mehr zu ermitteln. Der Kanzelaltar durchmisst mit den beiden seitlichen Anbauten mit schlichten Kassettenfeldern die ganze Breite des Kirchenschiffes. Die Kanzel mit sanft ausschwingendem Fuß ist zentral und erhöht untergebracht, ihr Kanzelkorb zeigt im zentralen Feld ein Kreuz, die anderen Rechteckfelder des schlichten Werkes sind holzsichtig und dunkel gebeizt – ebenso wie der Rest des Altars. Der Altartisch ruht auf vier Säulen und besteht aus Sandstein, die Wände des Altarraums sind mit Wandbehängen versehen, welche geometrische Formen aufweisen. Das Taufbecken hat eine bemerkenswerte Form und ähnelt einer geschlossenen Lilienblüte – rundum sind Puttenköpfe angebracht. Die Empore ist eingeschossig und umläuft den Raum in Hufeisenform, ihre Flachfelder sind heute schlicht weiß gefasst. Zentral unter der Orgel ist eine kleine Lutherbüste angebracht. Der Raum ist von einer bemerkenswerten Harmonie geprägt, die schwer in Worte zu fassen ist – Altar und Orgelprospekt bieten einen wechselseitigen Kontrapunkt und zugleich eine Einheit aus Wort und Musik. Der Gesamteindruck des Raums ist edel und schlicht, erhaben und heilig.

 

Anfahrt

Quellenangaben


Orgelbeitrag erstellt von:

Dateien Bilder Kirche und Orgel: Johannes Richter
Orgelgeschichte: Johannes Richter, ergänzt durch Informationen von H. Rotermund
Kirchengeschichte: Johannes Richter, Sichtung vor Ort, sowie Informationen von H. Rotermund

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