FACEBOOK   INSTAGRAM   YOUTUBE

Orgel: Petersberg / Teicha – St. Mauritius

ACHTUNG: Liebe Besucher/innen, wir bitten Sie keine Inhalte wie Texte und Bilder vom Orgel-Verzeichnis auf andere Seiten/Medien zu übertragen (Datenschutz).

Für Anfragen kontaktieren Sie bitte das Orgel-Verzeichnis über das Kontaktformular.

Gebäude oder Kirche

St. Mauritius

Konfession

Evangelisch

Ort

Petersberg / Teicha

Postleitzahl

06193

Bundesland / Kanton

Sachsen-Anhalt

Land

Deutschland

Bildergalerie + Videos

 

Petersberg / Teicha (D-ST) – ev. Kirche St. Mauritius – Glocke(n)

 

Johannes Richter spielt Moritz Brosig (1815-1887) – Trio (Lento) D-Dur Op.58/8



Bildrechte: Datenschutz

Orgelgeschichte

1675 Erwähnung einer ersten Orgel.
Um 1700 Verkauf der alten, sehr desolaten Orgel an den Schulmeister aus Lettewitz, der im Gegenzug dafür zwei Liedtafeln lieferte.
1718 Abschluss eines Contractes mit Christian Joachim aus Halle (Erweiterung um eine Posaune 8′). Gesamtkosten für diese Schleifladenorgel I/13 waren 146 Reichsthaler.
1719 Abnahme der Orgel durch Gottfried Kirchhoff, Marienorganist (Marktkirche) zu Halle.
1875 Neubau durch Wilhelm Rühlmann (Zörbig) als Opus 17 als mechanische Schleifladenorgel II/12 mit frontal in das Gehäuse eingelassenem Spieltisch.
1917 Abgabe der Prospektpfeifen.
1924 Ersatz der Pfeifen durch Zink.
1960er Jahre Einbau eines elektrischen Winderzeugers.
2001 – 2003 Überholung/Reparatur der Orgel für etwa 17.000 Euro durch Thomas Hildebrand (Halle).

Die Rühlmann-Orgel in Teicha ist als 17. Werk der Zörbiger Werkstatt eine der frühesten Orgeln dieser Epoche im Saalekreis und glücklicherweise vollkommen original erhalten und somit von bedeutendem und großem Wert. Der Prospekt ist eine durchaus interessante und im Kirchenraum harmonisch einfügende neoromanische Neuschöpfung. Drei Flachfeldermit Rundbögen werden durch Pilaster mit vergoldeten Kapitellen gerahmt, die Seitenfelder besitzen spitze Dreiecksgiebel und das Mittelfeld einen halbrund gestreckten Bogen.
Auf der hellen Farbfassung sind golden gefärbte Zierstreifen als Akzente aufgebracht. Der Spieltisch des Werkes ist frontal in den Prospekt eingelassen und besitzt zwei verschließbare Flügeltüren. Das Innere ist klassisch aufgebaut. Auf der Höhe der Prospektöffnungen befindet sich eine Windlade für beide Manuale, die hintereinander in C- und Cis-Seite geteilt nach außen abfallend auf dieser Lade angeordnet sind. Das Hauptwerk steht vorne, das Oberwerk dahinter. Hinter dem Stimmgang steht ebenerdig das Pedal, welches chromatisch aufgestellt ist. Die Manuallade besitzt zwei Wellenbretter, das des zweiten Manuales liegt hinten, das des ersten Manuales liegt direkt hinter dem Spieltisch. Das Pedal besitzt eine Strahlentraktur, die über die Pedalkoppel in das Wellenbrett des ersten Manuales eingreift. Die Strahlentraktur spart dabei Platz und Raum und bedingt hier die chromatische Aufstellung des Pedals. Die Disposition der Orgel vermischt Frühromantik und spätbarocke Anleihen. Im Manual fehlt die gravitätische 16′-Stimme, dafür ist der Principalchor in 8′-, 4′- und 2′-Lage samt Mixtur 3fach stark besetzt und gemahnt an den späten Barock in Mitteldeutschland. Der Klang des Principalchors ist dabei stark, singend, klangvoll, aber nicht hart. Octave 4′ und Octave 2′ sind dabei sehr stark und singend intoniert, sodass der Glanz noch zusätzliche Register in höherer Lage vermuten lässt. Der Principal 8′ ist deutlich schlanker und schmaler intoniert, als bei späteren Orgeln der Firma und trägt damit in dem akustisch recht trockenen Raum sehr gut. Trotzdem sind reichlich Grundstimmen vorhanden – eine weiche, mit starker Ansprache versehene Traversflöte mit recht orchestralem Klang wird durch eine Gambe 8′ (die sehr gut als Soloregister mit lyrischem, melancholischen Klang nutzbar ist) ergänzt und kann somit den Principal stützen oder substituieren. Eine Rohrflöte 4′ mit spritzig verspielten und lauffreudigen Klang hellt die Grundstimmen auf. Das zweite Manual folgt dem Prinzip des “geteilten Hauptwerkes” und besitzt Register, die eigentlich in ein sehr starkes Hauptwerk gehören, aber zur Vervielfältigung der klanglichen Möglichkeiten auf ein zweites, deutlich zurückgenommenes Manual ausgelagert werden. Hier finden sich zwei romantische Charakterstimmen als dunkles Gedeckt und scharfe Viola, sowie eine leise, sehr weich aufhellende 4′-Flöte. Die Viola kann dabei einen Geigenprincipal ersetzen und gibt ein interessantes Gegengewicht zum Hauptwerk. Das Pedal ist auf die Stützfunktion reduziert, der Subbaß ist füllig tragend, das Cello trägt und konturiert den Klang. Durch die Manualkoppel kann in etwas erschwerter, aber noch angenehmer und präziser Spielart ein machtvoll singendes und dennoch sehr transparentes Grundstimmengefüge aufgebaut werden, welches zwischen Barock und Romantik liegt und den Raum sehr gut füllt. Der Zustand des Werkes ist sehr gut. Leichter Holzwurmbefall im Manualwerk ist festzustellen. Die Spielart des Werkes ist sehr angenehm, mit gut fühlbarem Druckpunkt und nicht zu schwergängig, das Pedal ist etwas ungewohnt, aber angenehm spielbar. Hänger und Heuler treten recht selten auf, auch wenn die Orgel in den vergangenen Sommern leiden musste. Es ist ein unschätzbares Glück, dass in so einem schönen Raum ein so wertvolles Instrument gut erhalten ist und den Raum der Kirche mit frisch farbigen und doch kraftvollen Klang erfüllen darf – für Musik der Romantik und der des Spätbarocks ist das Werk gut geeignet.

Disposition

Disposition der Rühlmann-Orgel 

Manual I – Hauptwerk C – f”’

Principal, 8′. (C-H Holz, gedeckt, ab c° Zinn, offen)

Flauto travers. 8′. (C-H gedeckt, ab c° Holz, offen, mit Stimmlappen, ab c” doppelte Länge)

Viola di Gamb. 8′. (C-H gedeckt, ab c° offen)

Principal, 4′. (durchg. Zinn, offen)

Rohrflöte, 4′. (C-e” Rohrflöte, ab f” offen)

Octave 2′. (durchg. Zinn)

Mixtur 3 fach. (1 1/3′)

 

Manual II – Oberwerk C – f”’

Liebl. Gedackt, 8′. (durchg. Holz, gedeckt)

Viola d’amour, 8′. (C-H Holz, ab c° Zinn)

Flauto amabil. 4′. (C-e” Holz, offen, ab f” Zinn, offen)

Pedal C – d’

Subbaß, 16′. (Holz, gedeckt)

Cello 8′. (durchg. Holz, offen)

 

 

Disposition der Orgel von Christian Joachim (1718)

Manual C, D – c”’

Gedackt 8′ (Holz)

Quintathön 8’*

Principal 4′ (Zinn)

Kleingedackt 4’*

Quinta 3’*

Octav 2’*

Sesquialter 1 3/4’*

Spitzflöte 1’*

Mixtur 4fach

Pedal C , D – c’

Subbaß 16′ (Holz)

Principal-Baß 8′ (Holz)

Posaunenbaß 8′ (über den Contract hinaus)

*”von Metal”

dazu kamen noch “zwei Cymbel-Sterne und Tremulanten” (wahrscheinlich je einer) 

Spielhilfen

Als Registerzüge rechts: Manual-coppel. [II/I], Pedal-coppel. [I/P], Vacat., Calcanten ruf. [heute außer Funktion]

Gebäude oder Kirchengeschichte

Um 1100 Errichtung einer romanischen Steinkirche an der Stelle eines hölzernen Vorgängerbaus – dort war einstmals eine slawische Kultstätte.
Frühes 13. Jahrhundert Errichtung der heutigen Kirche.
Um 1500 Anfügung des langgestreckten Chorraumes mit dreiseitigem Abschluss.
1669 Einbau eines neuen Holzglockenstuhles.
1700 Errichtung des Portalvorbaus auf der Südseite.
1719/20 Umbau der Kirche, Aufsetzung des sechsseitigen Dachreiters und Einbau einer neuen Innenausstattung.
1917 Abgabe dreier Glocken zu Rüstungszwecken.
1924 Guss dreier neuer Glocken d’-f’-a’ durch Ulrich&Weule (Apolda-Bockenem) aus Eisenhartguss.
Nach 2000 Sanierung der Kirche, Abnahme der zwei großen Glocken wegen Schäden am Mauerwerk des Turmes.

Die Kirche in Teicha steht auf einer Anhöhe, leicht verborgen durch Bäume, auf einer ehemaligen slawischen Kultstätte gelegen und manifestierte damals den durch die Mission eingeführten christlichen Glauben und meißelte ihn buchstäblich in Stein. Die Kirche ist ein von außen schon interessantes Bruchsteinbauwerk aus Porphymauerwerk. Es handelt sich um einen einschiffigen Saalbau, dessen Chor aufgrund der Hanglage der Kirche abgestuft ist und einen dreiseitigen flachen Abschluss mit zwei schmalen Rundbogenfenstern besitzt. An der Nordseite finden sich zwei romanische Rundbogenfenster. Das Kirchenschiff besitzt barocke Halbbogenfenster in gedrungener Bauform, deren Fensternischen so wie die anderen Fenster durch hellen Sandstein abgesetzt sind. Im Süden findet sich eine Sakristei aus Bruchsteinmauerwerk sowie eine 1700 errichtete Eingangshalle. Der Westquerturm besitzt ein Satteldach und romanische Doppelarkaden mit Kapitellen. Auf dem Dach des Kirchenschiffes ist ein etwas fremd anmutender sechsseitiger Dachreiter mit Laterne aufgesetzt, der zwecklos ist – heute aber immerhin den Adventsstern trägt. Einzelne Öffnungen im Mauerwerk sind heute vermauert.
Das Innere des Hauptschiffes ist überraschend hoch und hell, von einer Holztonne überwölbt, die gleichfalls weiß ist. Der Chorraum, dessen niedriger Rundbogen zum Kirchenschiff durch Sandstein farblich abgesetzt ist, besitzt eine flache, ebenfalls weiß gefärbte Holzbalkendecke. In diesem Bogen befand sich in gotischer Zeit eine Triumphkreuzgruppe, deren mittig positioniertes Kruzifix heute ganz oben im Kirchenschiff an der Chorwand angebracht ist und so das Kirchenschiff und den niedrigen Altarraum gelungen verbindet.
Im Chorraum befindet sich ein wertvoller gotischer Schnitzaltar, der mit einem Mittelfeld und zwei Flügeltüren dreiteilig ausgeführt ist und im Mittelfeld u.a. eine Mariendarstellung sowie den Hl. Mauritius als Kirchenpatron zeigt. Darunter befindet sich im Sockel des Altars eine kleine Tür, hinter der das Abendmahlsgerät verborgen wurde.
Rote Weihekreuze auf der weißen Wandfarbe befinden sich an den Wänden des Chores. Das Taufbecken ist romanisch und kelchförmig auf rundem Fuß stehend. An der Nordwand des Chors ist ein edel ausgeführtes gotisches Sakramentshäuschen mit Spitzbogen und Filialen Zier. Der Chorbogen ist mit Resten von farbiger Malerei und und roter Schablonenmalerei versehen. Die Kanzel aus Holz steht auf der Nordseite des Chorbogens und ist schlicht in Formen der Spätrenaissance gehalten. Auf schlankem Fuß steht ein polygonaler Kanzelkorb mit Rundbogenfeldern und vorschwingenden Pilastern. Darüber verläuft ein Gesims. Der schlichte Schalldeckel besitzt auf blauem Grund ein umlaufendes Schriftband sowie drei bekrönende Wappen aus geschnitztem Holz. Die ganze Kanzel ist in weiß-gold und blau gehalten. Die Empore ist hufeisenförmig ausgeführt und doppelgeschossig – ganz oben befindet sich die Orgel. Die einzelnen Säulen der Empore sind mit angedeuteten Kapitellen versehen, die Emporen selbst sind teilweise grau marmoriert und besitzen farblich abgesetzte rechteckige Flachfelder, die heute schlicht weiß sind.
Der Orgelprospekt mit seinen schlicht-abgerundeten Formen fügt sich sehr gut in den schlichten Raum ein und schafft eine gelungene Symbiose zwischen Wort und Musik in dem wirkungsvoll andachtsvollen Raum.

Anfahrt

Quellenangaben


Orgelbeitrag erstellt von:

Dateien Bilder Kirche und Orgel: Johannes Richter
Orgelgeschichte: Johannes Richter, ergänzt durch Informationen aus: W. Stüven – Orgel und Orgelbau im Halleschen Land vor 1800, Breitkopf&Härtel, Wiesbaden 1964
Kirchengeschichte: Johannes Richter, basierend auf eigener Sichtung und mündl. Informationen des Pfarrers D. Joram

Historische Disposition entnommen aus: W. Stüven – Orgel und Orgelbau im Halleschen Land vor 1800, Breitkopf&Härtel, Wiesbaden 1964, S.91f.

Videos von Johannes Richter auf dem Youtube-Kanal JRorgel

PARTNER | IMPRESSUM | Datenschutz | Cookie-Richtlinie (EU) | designed by st-reway.de

You cannot copy content of this page