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Orgel: Neudietendorf – Kirchensaal der Herrnhuter Brüdergemeinde (Brüderkirche)

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Gebäude oder Kirche

Kirchsaal der Brüdergemeinde

Konfession

Evangelisch

Ort

Neudietendorf

Postleitzahl

99192

Bundesland / Kanton

Thüringen

Land

Deutschland

Bildergalerie + Videos

 

Festgottesdienst: 30 Jahre EAT im Zinzendorfhaus auf Youtube mit Orgelspiel durch Johannes Richter



Bildrechte: Datenschutz

Orgelgeschichte

1781 wird die erste Orgel im Saal erbaut.
1901 Bau der heutigen Orgel als Opus 942 durch Orgelbau E. F. Walcker & Co./Ludwigsburg als dreimanualige Orgel mit freistehend gedrehten Spieltisch, 28 (27+1) Registern auf pneumatischen Kegelladen (lt. Opusbuch) hinter dem historischen, für die neue Orgel leicht erweiterten Prospekt für den damaligen Preis 9708 Mark.
1917 Abgabe der Prospektpfeifen zu Rüstungszwecken, später Ersatz durch Zinnpfeifen.
1926 Einbau eines Gebläses.
1941 Revision der Orgel und leichte Umarbeitung zweier Register (im Opusbuch vermerkt)
1974 Sanierung und gravierende Umdisponierung durch OB Lothar Heinze/Stadtilm (Registerwippen wurden mit kleinen weißen Täfelchen aus Pertinax mit den neuen Bezeichnungen beklebt), Kostenpunkt 11670 Mark.

In diesem Zustand ist das Instrument heute noch erhalten.

Die Orgel im Kirchsaal des Zinzendorfhauses Neudietendorf steht hinter einem äußerst schwungvoll eleganten Rokokoprospekt. Ein großes, halbrundes Mittelfeld wird von je zwei kleinen, übereinander angeordneten Flachfeldern und je einem großen, harfenartig Flachfeld gerahmt, deren nach innen ansteigende Pfeifenlängen und nach außen ansteigende Labienverläufe einen äußerst eleganten Schwung und wirkungsvolle Leichtigkeit in die Prospektfront bringen. Zwei flache Kassettenfelder kennzeichnen den erweiternden Anbau des Gehäuses durch Walcker im Zuge des Orgelneubaus. Der Prospekt ist dabei reich mit floralem Schnitzwerk und Rebendekor versehen. Über dem Mittelfeld ist das Gottesauge im Strahlenkranz zu sehen. Der obere vorspringende Sims des Gehäuses mit Goldverzierung wird dabei wirkungsvoll in den Walcker’schen Anbau übernommen und weitergeführt, sodass eine bemerkenswerte Einheit dieser beiden zeitlich so heterogenen Teile entsteht. Die Felder des seitlichen Anbaus sind dabei dezent in Gold umrahmt. An den Seiten ist das Gehäuse schlicht als beige getünchte Bretterfront ausgeführt. Die helle Farbgebung samt des edlen Goldschmuckes ist im Raume sehr angenehm und zieht den Blick auf sich ohne eine aufdringliche Wirkung zu verursachen. Die breiten Quersimse sind angenehm geerdet, proportional sehr ausgewogen und stimmig.
Der Spieltisch ist frontal mit Blick in den Raum aufgestellt, die Registerschalter sind in unterschiedlichen Farben gehalten und als Solches sehr intuitiv bedienbar. Die Koppeln, nur als Druckknöpfe angelegt, sind mit Schildern in den passenden Farbkombinationen unterlegt. Die originalen Beschriftungen sind durch weiße Bakelit-Schilder mit den neuen Registernamen überklebt worden.
Die Windladen im Inneren sind als pneumatische Kegelladen angelegt. Vorne zentral hinter dem Prospekt steht, chromatisch dem Verlauf der Klaviatur folgend, die Lade des Hauptwerkes. Von vorne gesehen links steht um 90 Grad zum HW gedreht die Lade des zweiten Manuales, chromatisch nach hinten absteigend. Auf der anderen Seite (rechts), ebenfalls um 90 Grad gedreht zum HW, steht die Pedallade ebenerdig. Das Schwellwerk mit seinem Jalousieschweller steht hinter der Lade des Hauptwerkes, ebenfalls dem Verlauf der Klaviaturen folgend chromatisch aufgestellt. Der Balg steht unter der Schwellwerkswindlade. Hinten am Gehäuse ist ein großes Eisenrad angebracht, mit dem früher der Schöpfer betätigt wurde – am Rad drehen beim Orgel spielen war hier also wörtlich gemeint… Der heutige elektrische Winderzeuger befindet sich heute auch unterhalb der Windladen.
Das Hauptwerk wird von einem vollen, warmen und leicht dumpfen Bordun 16′ weit und angenehm grundiert, darauf baut sich eine komplette Principalpyramide mit hoher Mischfähigkeit auf. Ein singender, weich-weiter und starker Principal 8′ wird durch eine starke, helle Octave, eine herbe Quinte und eine spitze, leicht glitzernde Octave 2′ sowie eine golden-strahlende, leicht silbrig-glitzernde Mixtur ergänzt. Eine an französische Flöten gemahnende, sehr orchestral weiche, vollmundig-weite und weiche Flöte 8′, sowie eine etwas spitze, spielfreudig-perlende Rohrflöte 4′ runden den Klang des Hauptwerkes ab. Eine schmetternde, sehr starke, fast an “harmonique” erinnernde Trompete mit stark prompter Ansprache gibt Kraft, Feierlichkeit und Stärke, ohne dabei plärrend oder aufdringlich zu wirken.
Das zweite Manual wird durch eine Koppelflöte, die sich nach oben hin durch die konische Bauweise klanglich öffnet, grundiert. Der Klang dieses Registers ist im Bass flötig-weich und rund von der Walcke’schen Konzertflöte übernommen, der obere Teil eher gemshornartig streichend – neu gebaut. Ein leises, sanftes, obertonreiches Gemshorn 4′ und ein runder, heller Schwiegel 2′ mit deutlicher Ansprache geben dem Werk flötigen Glanz und Strahlkraft. Die Terz 1 3/5′ und eine Quinte 1 1/3′ von principalischer Mensur geben cornettartige Strahlkraft und können auch als lyrisches Solo eingesetzt werden, oder als eine Art Kleinmixtur hergenommen werden. Dies erzeugt einen sehr angenehmen Effekt, der durchaus seinen Wert hat. Eine weiche, lyrisch-melancholische Clarionette gibt dezent warme Grundierung und ein charaktervolles Solo ab. Das Schwellwerk besitzt wirkungsvolle Schwelljalousien, die einen hervorragenden Effekt abgeben. Ein still warmes, deutlich ansprechendes Gedackt, eine herbe und starke Quintade (die auch gut als Soloregister gebraucht werden kann) füllen das Werk. Ein streichend schmaler und sehr weicher Principal 4′ sowie eine Traversflöte, ein hell-runder Piccolo 2′ sowie eine sehr spitze Sifflöte und ein silbrig herbes Scharf bringen Mixturklang und Gewicht gegenüber den anderen Werken. Die Oboe 8′ verleiht dem Klang zu guter Letzt Breite und veredelt ihn, kann aber gut ebenso als klagendes Solo oder als eine Art Echo-Fanfare benutzt werden. Das Pedal besitzt zwei 16′-Register, eines mit dunkel-vollem, eines mit eher hellem, zeichnungsfähigen, streichend-starkem Klange. Diese bilden den Grundstock des Pedales. Ein starker, offener 8′ zeichnet sehr gut und gibt Helligkeit. Der Choralbaß 4′ gibt die Möglichkeit Cantus-Firmus-Melodien hervorzuheben. Das Register Quintatön entspricht dem des Schwellwerkes und ist im Pedal klanglich nur als leises Soloregister zu gebrauchen, was interessante Effekte in Verbindung mit dem Schweller bringen kann – ansonsten ist es im Pedal eher ineffektiv. Der Gesamtklang des Werkes ist so vielfältig, dass kaum Worte dafür gefunden werden können. Reiche Solomöglichkeiten, Zungenplena, edle Grundstimmenmischungen (gegründet durch das weiche Pedal) lassen das Spiel auf diesem Instrument trotz der Umdisponierungen immer noch gravitätisch, frei von Härten, herrlich frisch, strahlend und von großer Reichweite zur wahren Freude werden.

Der Zustand des Werkes ist heute gut, teilweise gibt es Heuler im Pedal. Verstimmungen sind außerhalb der Zungenregister nicht feststellbar. Die Pneumatik im Spieltisch und die Registerpneumatik funktionieren fehlerlos, ebenso die Koppelanlage. Holzwurmbefall ist nicht zu erkennen. Die Windstabilität ist mehr als ausreichend und durch die Anzeige kontrollierbar – der Wind ist aber stets ausreichend. Die Pneumatik im Spieltisch ist durch erhöhten Winddruck sehr präzise und genau, obgleich die Tasten des edel gestalteten Spieltisches mit markantem Firmenlogo sehr leichtgängig sind – dies sollte der Spieler ebenso beachten wie die Abwesenheit von freien Kombinationen. Die Anlage der Koppeln als Drücker in der Vorsatzleiste ist zwar einerseits zweckmäßig, andererseits auch ungewohnt, da diese doch meist auch als Registerschalter vorhanden sind. Die Bank mit ihrer Rückenlehne besitzt durch jene eine kurze Sitzfläche, die auch beachtet werden sollte. Dadurch ist das Spiel ungewohnt, da die Bank durch die Lehne nicht weit nach hinten geschoben werden kann. Sei es drum – die Orgel ist ein herrliches Werk, welches vielfarbig und edel ist und den Raum in vollem Maße weit und herrlich erfüllt.

Disposition

Disposition 2021 (gleich Stand 1974)

I – Hauptwerk C – g”’ (weiß)

Bordun 16′

Prinzipal 8′

Hohlflöte 8′

Oktave 4′

Rohrflöte 4′

Quinte 2 2/3′ (aus Cornett)

Oktave 2′

Mixtur 1 1/3′ 4f. (statt Cornett 3-4f.)

Trompete 8′

 

 

II – Nebenwerk C – g”’ (rosa)

Koppelflöte 8′ (aus Concertflöte 8′)

Gemshorn 4′

Schwiegel 2′ (aus Salicional 8′)

Terz 1 3/5′ (aus Cornett 3-4f. I)

Quinte 1 1/3′ (aus Dolce 4′)

Clarionette 8′ (aufschl., Krummhorn)

III – Schwellwerk C – g”’ (blau)

Quintatön 8′ (umgesetzt aus II auf Kanzelle von Ged. 16′)

Gedackt 8′

Prinzipal 4′

Traversflöte 4′

Piccolo 2′

Sifflöte 1′ (Walcker 1941)

Scharf 3f. 1′ (statt Geigenpr. 8′, neue Stöcke)

Oboe 8′

Pedal C – f’ (grün)

Subbaß 16′

Violon 16′

Oktavbaß 8′

Quintatön 8′ (Tr.III)

Choralbaß 4′ (Walcker 1941)

 

Disposition 1901 (lt. Opusbuch, Schreibweisen übernommen)

I – Hauptwerk C – g”’

Bordun 16′

Principal 8′

Hohlflöte 8′

Viola di Gamba 8′

Octav 4′

Rohrflöte 4′

Octave 2′

Cornett 3-4fach

Trompete 8′

 

II – Nebenwerk C – g”’

Concertflöte 8′

Salicional 8′

Quintatön 8′

Gemshorn 4′

Dolce 4′

Clarinette 8′

III – Schwellwerk C – g”’

Lieblich Gedackt 16′

Geigenprincipal 8′

Gedackt 8′

Aeoline 8′

Principal 4′

Traversflöte 4′

Piccolo 2′

Oboe 8′

Pedal C – f’

Subbaß 16′

Violon 16′

Bordunbaß 16′ (Tr.III)

Octavbaß 8′

Violoncello 8′

 

Disposition nach Revision 1941 (lt. Opusbuch)

I – Hauptwerk C – g”’

Bordun 16′

Principal 8′

Hohlflöte 8′

Viola di Gamba 8′

Octav 4′

Rohrflöte 4′

Octave 2′

Cornett 3-4fach

Trompete 8′

 

II – Nebenwerk C – g”’

Concertflöte 8′

Salicional 8′

Quintatön 8′

Gemshorn 4′

Dolce 4′

Clarinette 8′

III – Schwellwerk C – g”’

Lieblich Gedackt 16′

Geigenprincipal 8′

Gedackt 8′

Principal 4′

Traversflöte 4′

Piccolo 2′

Sifflöte 1′ (aus Aeoline 8′)

Oboe 8′

Pedal C – f’

Subbaß 16′

Violon 16′

Bordunbaß 16′ (Tr.III)

Octavbaß 8′

Choralbaß 4′ (aus Violoncello 8′)

 

Spielhilfen

Als Drücker in der Vorsatzleiste unter Man.I, Drücker und Auslöser zugleich, farblich entsprechend diagonal zweigeteilt:
II.z.I., III.z.II., I.z.Ped., II.z.Ped., III.z.Ped.

daneben ebenfalls in der Vorsatzleiste, Drücker und Auslöser zugleich, Schilder nur weiß:
Tutti & Coppeln., Handregist. ex. [HR an/ab], Crescendo ex. [Walze an/ab]

Links neben Manual III: horizontale Anzeige für Walze mit Zeiger (28 Stufen mit Unterteilungen)

Rechts neben Manual III: horizontaler Windanzeiger mit Zeiger (leer – voll)

Über dem Pedal mittig:
Crescendo-Rad, daneben Schwelltritt für Jalosieschweller Manual III (bezeichnet mit “Schwell.”)

Gebäude oder Kirchengeschichte

1743 erste Niederlassung der böhmischen Brüder nach Herrnhuter Vorbild in Neudietendorf – der Ort wurde als Gnadenthal bezeichnet.
1780 Kirchsaalneubau.
2.12. Einweihung des Kirchsaales mit einem Gottesdienst.
April 1945 Schäden am Kirchsaal durch den zweiten Weltkrieg.
1998 – 2005 Sanierung des gesamten Kirchsaalgebäudes.

Das Kirchsaalgebäude ist markant durch seinen Dachreiter von der Straße vom Bahnhof aus sichtbar und von freundlicher Ausstrahlung, welche durch den hellen Putz verstärkt wird. Es handelt sich um einen Fachwerkbau in dreistöckiger Bauweise. Der Kirchsaal ist durch die hohen einteiligen Fenster von außen erkennbar. Eckquaderungen und Bandlisenen gliedern in grauer Farbe das hell verputzte Äußere. Das Dach ist als Mansardendach gefertigt und trägt einen barocken Dachreiter mit Uhr und offener Laterne, in der heute eine Glocke hängt.
Das Innere des weiten Saales ist hell gehalten. Typisch für die Brüderkirchen ist die Schlichtheit des Inneren, ganz auf das Wort konzentriert ohne Reliquienöffnungen, Altartische o.ä.
Vorspringend angedeutete Säulen gliedern die Wände, eine flache Muldendecke überspannt den Raum und ein breites Zierband umrahmt die Rundung der Decke. Eine hölzerne Kassettenverkleidung umläuft den Raum, an dieser Lamperie sind feste Bänke angebracht. Im Zentrum befindet sich der Liturgietisch leicht erhöht, dahinter auf einem gerundeten Giebel ein vergoldetes Kreuz. Seitlich des rechteckigen Raumes befinden sich zwei geräumige Emporen – die Rechte trägt die Orgel. Die Emporen ruhen auf schlichten, quadratischen Säulen. Die in der Mitte leicht vorschwingenden Emporen besitzen rechteckige Zierfelder, die in einer hellen Aprikosenfarbe im Kontrast zu der weißen Farbfassung der Empore gehalten sind. Die Orgel in ihrem hellen Gold hebt sich ab und verdeutlich mit dem güldenen Kreuz die Einheit von Wort und Musik. Der Raum ist schlicht, hell und erhaben und wird regelmäßig und gern genutzt.

Anfahrt

Quellenangaben


Orgelbeitrag erstellt von:

Dateien Bilder Kirche und Orgel: Johannes Richter
Orgelgeschichte: Johannes Richter, basierend auf einem Aushang im Kirchsaal, sowie Walcker Opusbuch 16, S.55ff.
Kirchengeschichte: Johannes Richter mit Informationen einer Informationstafel außen am Gebäude und einem Aushang in der Kirche

Historische Dispositionen aus: Opusbuch 16 E.F.Walcker&Cie., S.55ff., abrufbar auf der Seite der Universität Hohenheim

Youtube-Video eines Festgottesdienstes mit Klang der Orgel auf dem Kanal der ev. Landesakademie Thüringen (Orgel: Johannes Richter)

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