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Orgel: Mücheln (Geiseltal) – St. Ulrich

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Gebäude oder Kirche

St. Ulrich

Konfession

Evangelisch

Ort

Mücheln (Geiseltal) / St. Ulrich

Postleitzahl

06249

Bundesland / Kanton

Sachsen-Anhalt

Land

Deutschland

Bildergalerie + Videos



Bildrechte: Datenschutz

Orgelgeschichte

1795 Einbau einer Orgel durch die Gebrüder Trampeli mit II/P hinter dem heutigen Barockgehäuse.
1884 Neubau durch Wilhelm Rühlmann (Zörbig) als Opus 56 als vorderspieliges Werk auf mechanischen Schleifladen II/24, der Prospekt wurde beibehalten.
1912 Austausch des Gedackt 8′ im Hauptwerk durch eine Aeoline 8′ durch Rühlmann (ähnlich wie im Dom zu Halle).
1917 Abgabe der bis dato vorhandenen Prospektpfeifen aus Zinn, dadurch ist nun f°-g’ im Principal 8′ Hauptwerk stumm.
1920er Jahre Verhängung des Prospektes mit dunklem Tuch – ein Wiedereinbau von Prospektpfeifen erfolgte nie.
1950er Jahre Einbau eines elektrischen Winderzeugers.

In diesem Zustand ist die Orgel bis heute original (bis auf die Prospektpfeifen) erhalten.

Prachtvoll-farbig und golden und doch mit dunklem Trauerflor verhangen zeigt sich das barocke Gehäuse der Rühlmann-Orgel in der Müchelner Ulrichskirche. Ebenso prachtvoll wie die Orgel, die nun auch wie mit dunklem Tuch verhangen nur noch ein Abglanz ihrer einstigen Strahlkraft ist. Das 56. Werk der Firma aus Zörbig, vorderspielig angelegt, besitzt mechanische Schleifladen. Das Innere ist bedingt durch die recht geringe Tiefe des barocken Gehäuses gestaffelt angelegt. Hinterständig befindet sich fast ebenerdig das Pedal, davor (etwas erhöht liegend) das Hauptwerk, darüber das 2. Manual in einem kleinen Schwellkasten, der zwar bis unter die Decke reicht, aber oben nicht geschlossen ist. Seine vier großen Türen sind nach hinten (!) gerichtet und werden durch einen kleinen, nicht einrastbaren Tritt aus Gusseisen am Spieltisch gesteuert. Ein Arretieren der Türen ist nicht möglich, die Schwellwirkung der dünnen Holztüren ist zwar vorhanden, aber nicht sehr effektvoll. Die durch Wellenbretter angesteuerten Schleifladen sind chromatisch angeordnet.
Die einstmals prachtvolle, mächtige Orgel ist heute durch starke Verstimmungen, Hänger und Ausfälle nur noch ein trauriger, dunkler Abglanz ihrer selbst, obgleich der kundige Spieler ihr doch wunderbare Klänge zu entlocken vermag. Die Disposition zeigt mit zwei nahezu gleichwertig disponierten Manualen Anleihen des Spätbarock, obgleich das zweite Manual durch die eher streichend ausgerichtete und nur bis zum 2′ reichende Pyramide doch etwas zurück genommen ist. Beide Manual stehen also nicht hintereinander, sondern nebeneinander – charakteristisch für Rühlmanns frühe Orgeln dieser Größe. Das Hauptwerk hat durch das Fehlen des Principal 8′ in der Mittellage leider einiges an Kraft eingebüßt, die durchgeführte Principalpyramide bis zur golden-strahlenden, abrundenden Mixtur zeigt dennoch einen singend-gravitätischen, glanzvollen Klang, der durch den Bordun 16′ ins erdig-warme gefärbt wird. Ausdifferenziert wird die Vielfalt im Hauptwerk durch eine singende, durchdringende, lyrisch-weiche Gambe, eine warm-runde Rohrflöte 8′ und eine geheimnisvoll-entfernt tönende Aeoline 8′ als Ersatz für ein Gedackt 8′ – aufgehellt durch eine spritzig-helle, bewegliche Rohrflöte 4′ mit hoher Mischfähigkeit. Kraft kann durch eine heute leider kaum ansprechende, doch sicher im Idealzustand dunkel-runde Trompete 8′ noch hinzugewonnen werden. Alle Stimmen sind durch hohe Verschmelzungs- und Mischfähigkeit gekennzeichnet, doch fehlt die aus der Mitte kommende Kraft des Principal 8′ empfindlich in dieser Einheit. Das zweite Manual beherbergt im Schwellkasten neben einem kräftig-singenden, weich-streichenden Geigenprincipal 8′ eine kräftige, scharfe Fugara 4′ als Principalsubstitut, sowie eine bewegliche, etwas spitze Flautine 2′, die dem Werk den Charakter einer “kleinen Principalpyramide” verleiht, ergänzbar durch einen Naßat 2 2/3′, der flötig mensuriert ist und somit den Klang dezent färbt. Daneben finden sich diverse Charakterstimmen – eine weiche Flauto traverso, ein dunkel-dumpfes Gedackt, ein sanftes Salicional 8′ sowie eine leise, geheimnisvoll-kullernde Flauto amabile 4′. Höhepunkt ist die (heute leider in diversen Tönen hängende) durchschlagende Zungenstimme Harmonica 8′, die wie eine Vox celeste aetherische, harmoniumartige, sehr fern-himmlische Klänge zu erzeugen vermag, die durch den Schwellkasten in der Obertönigkeit noch gedämpft werden können. Das Pedal ist mit drei 16′-Registern und zwei Achtfüßen auf die kraftvolle Stütze jedweder Mischung ausgelegt. Transparenz der tragenden 16′-Register wird durch den füllig-warmen, starken Octavbass 8′ und das näselnde, scharfe Cello 8′ erreicht, während die Posaune 16′ dem vollen Werk angemessenen Grund verleiht und dabei durch den offenen Violon und den dumpf leisen und doch tragfähigen Subbass 16′ wirkungsvoll abgerundet wird. Weitere Aufhellung ist nur durch die Pedalkoppel zu erreichen. Sperrventile, bei Rühlmann früher typisch, gehören zur Grundausstattung der Orgel und leisten hilfreiche Dienste bei der Bekämpfung von Heulern, die früher z.B. in Barby oder Köthen üblichen, von Ladegast übernommenen Kollektivtritte hat Rühlmann hier bereits wieder verworfen. Bemerkenswert ist dafür ein an Friese III. gemahnender, heute funktionsloser Windanzeiger als Registerzug, der durch an den Balg gekoppeltes Ein- oder Ausfahren den Füllstand des Balges anzeigte.
Schwarzes Tuch und goldener Schein – die Rühlmann-Orgel in Mücheln vereinbart beides in einer dem prachtvollen Raum nicht angemessenen Symbiose. Ihr einst strahlender Klang ist heute eher ein schmales Licht durch einen Türspalt geworden – eine Sanierung dieses für die Orgelbauanstalt und die Orgellandschaft so bedeutenden und wichtigen Instrumentes, das mit Ausnahme des Prospektes vollständig original erhalten ist, ist für die Entdeckung und Wiedergabe der romantischen Musik mehr als zu wünschen!

Disposition

Manual I – Hauptwerk C – f”’

Bordun 16′ (ab C)

Principal 8′ (C-H Holz, offen, c°-e° Zink, ab f° Prospekt, nicht mehr vorh., ab gis’ Zinn, innen)

Rohrflöte 8′

Viola di Gamb. 8′

Aeoline 8′ (früher Gedackt 8′)

Octave 4′

Rohrflöte 4′

Octave 2′

Mixtur 4fach (2′)

Trompete 8′ (aufschl., Becher und Stiefel Zinn)

 

Manual II – Oberwerk C – f”’ (schwellbar)

Geigenprinc. 8′ (C-H Holz, gedeckt, ab c° offen) 

Liebl. Gedckt. 8′

Flauto trav. 8′

Salicional 8′ (C-H Holz, gedeckt, ab c° offen)

Fugara 4′

Flaut.amab. 4′

Naßat 2 2/3′

Flautine 2′

Harmonika 8′ (durchschl.)

Pedal C – d’

Subbaß 16′ (Holz, gedeckt)

Violon 16′ (Holz, offen)

Princ.Baß 8′ (Holz, offen, weite Mensur)

Cello 8′

Posaune 16′ (aufschl., Becher und Stiefel Holz)

 

Spielhilfen

Als Registerzüge links: Ventil.z.Ped. [Sperrventil Ped.], Ventil.Man.I. [Sperrv. HW], Ventil.Man.II. [Sperrv. OW], Windanz., Ped.-Coppel. [I/P],
Manual-Coppel. [II/I]

Rechts über dem Pedal, aus Eisen ausgeführt: Schwelltritt (Löffeltritt) für Schweller Manual II, nicht arretierbar – durch Betätigen schließen sich die Schwelltüren.

Gebäude oder Kirchengeschichte

1790 -1795 Neubau im Barock- bzw. Rokoko-Stil als Ersatz für eine baufällige Vorgängerkirche aus dem 13. Jahrhundert.
1910 neue Innenausmalung durch den Maler Kutschmann.
1987 – 1989 Innensanierung.
1992 – 1993 Außensanierung des Gebäudes.

Die Kirche St. Ulrich liegt etwas versteckt neben der Hauptstraße zwischen malerischen Bäumen im gleichnamigen Stadtteil St. Ulrich.
Das heutige Rokoko-Bauwerk ist eine überaus prachtvolle und hochwertige Neuschöpfung, die wohl gleichzeitig als Schlosskirche für das Wasserschloss St. Ulrich diente. Leider zeigt sich dieser edle Bau heute durch diverse Schäden in der Verputzung und die eher graue Farbfassung von außen in einer eher traurigen, unscheinbaren Gestalt. Interessanterweise ist die Kirche nicht geostet, das bedeutet, dass der
Altar im Westen des Bauwerkes steht, im Osten findet sich der Turm. Der einschiffige, hohe Kirchsaal ist auf dem Grundriss eines Rechtecks mit gekappten Ecken errichtet, sodass ein gestrecktes Oktogon entsteht. Auf beiden Seiten sind kleine Anbauten angefügt, deren rechteckige Form den Grundriss zu einem angedeuteten Kreuz formt. Sie dienten als Zugang zu den Logen. Die Ecken des Oktogons sind mit überlappenden Ziersteinen gegenüber dem restlichen glatten Verputz des Bauwerkes hervorgehoben – übereinander angeordnete Fenster mit flachen Bögen lassen Licht ins Innere fallen. Auch der Turm besitzt einen durchweg achteckigen Grundriss, durch den der Turmschaft nochmals schlanker zu wirken scheint. Eine mächtige welsche Haube samt Laterne und Wetterfahne bekrönt den Turm. Durch diverse Schäden im Verputz sowie die unscheinbare Farbe wirkt das Bauwerk zwar unscheinbar, doch offenbart sich seine wahre Pracht erst im Innenraum, der im Gegensatz zum schlichten Äußeren nach der 1910 erfolgten neuen Ausmalung ausnehmend prachtvoll ist.
Der Raumeindruck des Inneren ist hell und licht, was durch die weiße Verputzung der Innenwände noch forciert wird. Die oktogonale, kantige Form des Außenbildes wird im Inneren durch eine abrundende Ausmauerung der Ecken zu einem ovalen, geschwungenen Raumeindruck transformiert. Eine weiß getünchte, abgerundet in die Wände übergehende und mit zwei dunklen Zierbändern versehene Tonnendecke überwölbt das hohe Innere. Betritt der Besucher den Raum, so fällt der Blick zunächst auf den mächtigen, die gesamte Westseite dominierenden Kanzelaltar. Zwei Anbauten links und rechts, mit prachtvoll floraler Malerei und Zierkartuschen gestalteten Türen, bekrönt angedeuteten Laufgängen mit Geländer, einem Zierband mit Wellenmuster und je zwei Zierkelchen umrahmen den mächtigen Altarbau, der links und rechts von je zwei angedeuteten korinthischen Säulen flankiert, deren Kapitelle mit Gold verziert sind. Der reich bemalte Kanzelkorb, dessen sich verjüngender Fuß mit vergoldeter Blattmotivik versehen ist, trägt in seinen drei Feldern Symbole des Glaubens (Kreuz – Kelch – Brot) nebst dazugehörigen Bibelsprüchen in Kapitalis. Hinter dem schlichten Altartisch, auf dem ein reich verziertes Kruzifix steht, sind drei von floralem Bandelwerk umgebene flache Zierfelder zu sehen. Mit Gold und Blau verziertes Kordel- und Vorhangzierwerk umgibt den Schalldeckel. Der Altaraufsatz ist als mächtiger Giebel ausgeführt, unter dem ein Schriftband die bekannten Worte aus Joh. 3, 16 verkündet: Also hat Gott die Welt geliebt… Fein ausgemalte Zierbänder umrahmen den Giebel und das Spruchband. Die beiden Giebelseiten rahmen außerdem ein kleines Christusmonogramm ein. Der Giebel wird durch eine Darstellung des Gottesauges im Strahlenkranz mit Wolkenzier, sowie einem Kreuz und zwei goldenen Tafeln der zehn Gebote bekrönt.
Die u-förmige Empore ist doppelgeschossig ausgeführt und auf der Ostseite durch den Orgelprospekt unterbrochen, dessen Emporenbrüstung in einem weichen Bogen auskragt. Die geraden Enden der Empore sind gekappt, sodass ein ausschwingender Eindruck entsteht. Die Loge auf der Südseite ist noch verglast, die auf der Nordseite wurde ihrer Verglasung beraubt. Die Emporen ruhen auf ionischen Holzsäulen, deren Kapitelle schlicht verziert sind. Die Emporen sind durch verschiedene Gesimse und Wellenmalereien verziert, die Flachfelder sind in floralen Zierkartuschen mit Bibelworten auf beiden Emporenebenen versehen. Das Taufbecken ruht auf einem schlanken Schaft und nimmt die geschwungenen Formen der Kirche wieder auf. Die Farbfassung des Innenraums in ocker-dunkelblau-grau und weiß mit goldenen Applikationen gibt dem Raum eine bemerkenswerte Einheitlichkeit, die sich so in der Region selten findet. Der Orgelprospekt fügt sich nahtlos in die schwingenden Emporen ein, sein Eindruck wird durch die dunklen Tücher zwar durchbrochen, aber nicht empfindlich gestört und bildet damit einen wirkungsvollen Gegenpart zum Altar und eine Einheit aus Wort und Musik. Die Einheitlichkeit des Raums und der schwingende, leichte Gesamteindruck verleihen dem Raum eine edle, prachtvolle, heilige Ausstrahlung.

Anfahrt

Quellenangaben


Orgelbeitrag erstellt von:

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Orgelgeschichte: Johannes Richter
Kirchengeschichte: Webauftritt und Informationen der Gemeinde

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