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Orgel: Mücheln (Geiseltal) / Schmirma – Dorfkirche

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Die Orgel in Schmirma soll bald restauriert werden!




Gebäude oder Kirche

Dorfkirche

Konfession

Evangelisch

Ort

Mücheln (Geiseltal) / Schmirma

Postleitzahl

06249

Bundesland / Kanton

Sachsen-Anhalt

Land

Deutschland

Bildergalerie + Videos



Bildrechte: Datenschutz

Orgelgeschichte

1794 Errichtung einer ersten Orgel durch die Gebrüder Trampeli, dieses Werk wird als ständig schadhaft und reparaturbedürftig beschrieben.
1831 Neubau einer Orgel mit mechanischen Schleifladen durch Gottlieb Schönburg/Schafstädt.
1905 Neubau einer pneumatischen Kastenladenorgel mit frontal angebautem Spieltisch durch Rühlmann/Zörbig als Opus 267 mit II/20 hinter dem veränderten Prospekt der Vorgängerorgel.
1917 Abgabe der Prospektpfeifen.
1920er Jahre Ersatz der Prospektpfeifen durch Zink, die Arbeiten erledigte die Erbauerwerkstatt.
1950er Jahre Einbau eines elektrischen Winderzeugers.
2021 das Werk ist spielbar, bedarf aber einer Reparatur und Sanierung.

Die 267. Orgel der Zörbiger Firma scheint ein günstigeres Schicksal als ihre Vorgängerinnen zu besitzen – immerhin 116 Jahre ist das Werk zum Zeitpunkt der Niederschrift dieses Artikels bereits alt, die Vorgängerorgel erreichte gerade einmal die Hälfte!
Der Prospekt besitzt fünf Flachfelder, alle mit Rundbögen und gliedernden Querleisten versehen. Ein Lorbeerkranz ist über dem mittleren Prospektfeld angebracht. Einzelne Pilaster gliedern die Felder. Seitlich des Prospektes sind zwei weitere vergitterte Felder des Rühlmannschen Gehäuses erkennbar. Die Giebel des Prospektes sind nach innen aufschwingend gestaltet und unterbrochen. Die Schaufront wirkt massiv, erhaben, jedoch weder klotzig, noch zu dominant – sie fügt sich vielmehr elegant in den Raum ein und wirkt auffällig.
Der Spieltisch ist wie bei der Firma üblich frontal angebracht.
Das Innere beherbergt eine chromatisch aufgeteilte Windlade für das erste Manual, die beinahe ebenerdig steht, rechts darüber befindet sich das Schwellwerk. Das Pedal bildet die Rückwand der Orgel, die Balganlage ist auf dem Dach über dem Werk untergebracht. Interessant ist die Betätigung des Schwellers über einen Seilzug zu den Jalousien – ähnliche Konstruktionen verwendete Rühlmann auch in Mittelhausen und am Anfang in der Bartholomäuskirche zu Kröllwitz. Das Seil ist als Element deutlich spürbar und besitzt eine Flexibilität, die präzises Schwellen “auf den Punkt” erschwert. Die Schwelltüren sind dagegen überaus wirkungsvoll.
Die Orgel ist klassisch aufgebaut mit starkem Hauptwerk, zurückgenommenem Nebenwerk und tragenden Pedal disponiert. Das Hauptwerk grundiert auf einem weiten, vollen, etwas dumpfen Bordun 16′. Neben einem kräftig tragfähigen, vollen Principal 8′ finden sich ein rundes, zurückhaltendes Gedackt, eine offen tragfähig-perlende, sehr warme Flöte sowie eine schneidend-sägende, herbe Gamba in der Aequallage. Dazu eine teilweise überblasende, spielfreudig-kullernde, helle Flöte 4′, eine stark strahlende Octave 4′ sowie eine golden glänzende, das Werk bekrönende Mixtur. Das Schwellwerk mit recht wirkungsvollen Schwelltüren besitzt ein Gedeckt 16′ für Gravität und Fülle, einen schmalen, singend-melancholischen, transparenten Geigenprincipal 8′ sowie eine offen rund-vollmundige Flöte, eine leise, geheimnisvolle Aeoline und eine (wie aus dem Himmel herabsteigende) Voix celeste 8′, die dem Werk eine überirdisch anmutende Dimension verleiht. Eine Flöte 4′ hellt das Werk auf – eine etwas quäkende, dennoch lyrisch-melancholische Oboe gibt vollgriffige Kraft und ein bemerkenswert klagendes Solo, sodass auch französische Musik bis zu einem gewissen Grade möglich ist. Das Pedal besitzt gleich zwei 16′-Register – eines dunkel, füllig, tragend, eines offen, zeichnend, kraftvoll, sowie zwei charaktergleiche 8′-Stimmen für maximale Pedalkraft. Die Klangfarben sind vor allem in Verbindung mit den für eine Dorfkirche ungewöhnlich reichhaltig angelegten Spielhilfen, die den großen Kirchenorgeln der Firma in nichts nachstehen, sehr vielfältig und farbig. Sanfte Klangflächen, herbe Soli, strahlend frische Principalklänge und ein gravitätisch golden-glänzendes und kraftvolles Plenum erwarten den Spieler und bereiten große Freude. Bemerkenswert ist auch die Größe der Orgel von 20 Registern. In anderen, deutlich größeren Räumen wie Müllerdorf disponierte Rühlmann die Hälfte der Stimmen… Es handelt sich hier also um eine veritable Konzertorgel in einem beinahe zu kleinen Raum. Der meisterhaften Leistung des Intonateurs der Firma ist es zu verdanken, dass dieses massige Werk dennoch dem Raume angemessen ist.
Der Zustand des Werkes ist gut und spielbar, frei von Holzwurm und Anobienbefall. Die Windstabilität ist gegeben, alle Pfeifen sprechen frisch und frei an. Ausfälle in der Registertraktur sind nicht zu verzeichnen, desgleichen in den Spielhilfen. Die Spieltraktur des zweiten Manuales offenbart einige Ausfälle in einigen Registern und bedarf einer Sanierung. Das Werk insgesamt ist frei von Verstimmungen oder Intonationsmängeln. Dennoch wäre eine gründliche Sanierung dieser großen und edlen Orgel sehr zu wünschen.

Disposition

Manual I – Hauptwerk C – f”’

Bordun 16′

Principal 8′

Hohlflöte 8′

Gedackt 8′

Gamba 8′

Octave 4′

Flauto harm. 4′

Quinte 2 2/3′ Octave 2′

Mixtur 3&4f.

Manual II – Schwellwerk C – f”’

Liebl. Gedackt 16′ (ab F)

Geigen principal 8′

Flauto trav. 8′

Aeoline 8′

Voix céleste 8′ (ab c°)

Rohrflöte 4′

Oboe 8′ (durchschl.) 

Pedal C – d’

Subbass 16′

Violon 16′

Octavbaß 8′

Gedackt bass 8′

 

Spielhilfen

Über den Registerschaltern als kleine Schalter: Schalter für freie Kombination
Mittig zwischen den Registerschaltern: Anzeiger in 20 Stufen für Rollschweller (Walze)
Als Registerschalter neben den Schaltern für Fr. Komb., rechts: Regist. einschalt. [Handregister zu fester/freier Komb.]
Als Registerschalter mittig links, von links: Manual koppel [II/I], Pedal koppel zMI, Pedal koppel zMII, Octav koppel IIzI [sic!]
Als Registerschalter ganz rechts: Piano pedal [für Manual II]
Als Registerschalter rechts neben den Klaviaturen: Kalkant
Als Kollektivdrücker in der Vorsatzleiste unter Manual I, von links: freie Combination, Auslöser, pp, mf, f, tutti
Über dem Pedal mittig: Rollschweller/Walze, Schwelltritt (Balanciertritt) für Jalousieschweller Manual II

Gebäude oder Kirchengeschichte

Um 1250 Errichtung einer romanischen Chorturmkirche mit Ostapsis.
15. Jhd. Umbau im gotischen Stil, Einbau einer Sakramentsnische.
Um 1500 Schmirma wird Pfarrort mit Pfarrkirche.
1699 wird das Kirchenschiff “von Grund auf neu erbauet” unter Verwendung alter Substanz. Entfernung der Ostapsis und Aufsatz der Turmhaube.
1706 Einbau von Kanzelaltar und Empore.
19. Jhd. Umgestaltung des Altars im spätklassizistischen Stil, Anfügen zweier Verschläge zu beiden Seiten.
1908 Guss dreier neuer Glocken bei Ulrich/Laucha. Einbau eines neuen Glockenstuhles aus Eisen.
1917 Abgabe zweier Glocken zu Rüstungszwecken.
1921 Beginn der Arbeiten an einer neuen Innenmalerei durch Karl Völker aus Halle.
25.9.1921 erster Gottesdienst in der neu ausgemalten Kirche.
1922 Entstehung der Deckengemälde.
1923 Guss zweier neuer Glocken aus Eisenhartguss bei Schilling&Lattermann, Nominale g’, c”, Gewicht ca. 1350kg.
1990/91 Erneuerung und Veränderung des Innenputzes und Innenanstrichs.
1995 Überholung der Elektrik, der Heizung und Sanierung der Turmuhr.
1998 Instandsetzung der Turmhaube.
2006 Sanierung der Deckengemälde. Reparatur des Kirchenschiffdaches in der folgenden Zeit.

Die Dorfkirche in Schmirma liegt im Zentrum des kleinen und unscheinbaren Rundlingsdorfes unweit von Mücheln/Geiseltal auf einem kleinen Platz – umgeben von Bäumen und der alten Friedhofsmauer. Das Bauwerk ist aus Bruchsteinen erbaut und zeigt sich als einschiffige Saalkirche mit Ostturm ohne Chorraum. Der Turm steht auf quadratischem Grundriss, besitzt zwei Strebepfeiler und offenbart an der Ostseite den vermauerten Bogen einer einstigen (der Dorfkirche Spielberg ähnlichen) Ostapsis.
Die Schallfenster der Glockenstube sind spitzbogig ausgeführt – eine welsche Haube bzw. Zwiebelhaube samt Laterne und Turmknopf bekrönt den Turm. Das Kirchenschiff zeigt barocke Formen und hohe, flachbogige Rechteckfenster. In der Westwand sind neben einer Tür drei teilweise vermauerte Oculi untergebracht. Das Innere ist von kraftvoll tiefen Farbtönen sowie der grundlegenden Farbgestaltung in Ockergelb-grün dominiert. Die Wände sind hellgrün gestrichen und die Decke ist flach gehalten, besitzt farbige Deckengemälde. Der Raum zeigt sich in beeindruckend einheitlicher Gestaltung des Expressionismus und erzeugt durch seine Einheit in bemerkenswertr Harmonie. Hinter dem Altar (im Turmraum) befinden sich zwei ehemalige Sakramentsnischen – eine davon mit gotischer Zier. Davor steht ein mächtiger, einteilig pokalförmiger Taufstein aus Sandstein aus der Erbauungszeit der Kirche.
Der Kanzelaltar erwirkte einen liturgischen Raumabschluss, sodass der Turmraum mit den Sakramentsnischen nicht mehr gebraucht wurde. Der Kanzelaltar, dessen vorspringender Kanzelkorb mit einem Gemälde eines Obelisken und einem Schriftband versehen ist, wird von zwei geschwungenen seitlichen Wangen mit Durchgängen darunter gerahmt. Auf diesen Flächen ist auf ockergelbem Grund expressionistische, reich geschwungene florale Malerei zu sehen. Die Pflanzen winden sich dabei hoffnungsstrebend nach oben. Zwei flankierend gemalte Sterne senden Strahlen gen Erde aus. Der flache Schalldeckel (wie die restliche Kanzel in den kontrastierenden Farben ocker-gold-gelb und dunkelgrün gehalten) besitzt einen flachen, auf einem Baldachin ruhenden Schalldeckel, der in seinem Inneren eine vergoldete Friedenstaube zeigt. Pilaster flankieren den Schalldeckel, auf welchem zwei Putti ein biblisches Spruchband umrahmen. Rebenschnitzwerk ist an den Wangen des Altaraufbaus angebracht.
Links und rechts des Altars sind zwei kleine, schlichte, mit Fenstern versehene Logen angebracht. Das Lesepult ist einer Säule ähnlich. Die flache Decke beherbergt Gemälde Karl Völkers mit hoher Ausdruckskraft und harten Gesichtszügen der Figuren, dargestellt in starken, kontrastreichen, großteils warmen Farben. Dargestellt sind biblische Szenen, u.a. die Anbetung der Hirten, Flucht nach Ägypten, Abendmahl, Einzug in Jerusalem, Bergpredigt, Kindersegnung, Tod Jesu und die Auferstehung. Die Gesichtszüge der Figuren sind einfach und plastisch, jedoch sehr ausdrucksstark. Die Bilder sind liturgisch sinnvoll angeordnet. Angefangen am Altar mit Anbetung der Hirten und der Flucht nach Ägypten, im Zentrum gegenübergestellt Kreuzigung und Auferstehung – ein einmaliges und sehenswertes Konzept! Die Empore ist hufeisenförmig und kantig. Sie ruht auf rechteckigen Säulen und zeigt in den Flachfeldern teilweise barocke Heiligenmalereien mit Attributen – teilweise florale Malerei Karl Völkers. Der Orgelprospekt fügt sich in einer mit dem Altar korrespondierend geschwungenen Form gut in den Raum ein und bildet einen wirkungsvollen Kontrast und gleichzeitig eine Einheit aus Wort und Klang. Das Innere der Kirche zeigt warme Farben und hohe Kontraste sowie einfache, wirkungsvolle Bilder der biblischen Geschichte Jesu und ist damit eine Besichtigung durchaus wert. Es ist ein Glücksfall, dass sich diese Bilder hier vollständig erhalten haben und dass sie durch die Kirchengemeinde vor Ort wertgeschätzt werden. Im restaurierten Zustand begeistern sie mit ihrer edel prachtvollen Farbigkeit und schmücken den Kirchenraum!

Anfahrt

Quellenangaben


Orgelbeitrag erstellt von:

Dateien Bilder Kirche und Orgel: Johannes Richter
Orgelgeschichte: Johannes Richter, ergänzt durch eigene Sichtung vor Ort und zitierten Informationen aus dem Buch: Ein Kirchenraum der Moderne in der Provinz – Die Raumgestaltung Karl Völkers in der Dorfkirche Schmirma, Hrsg. Landesamt f. Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, ISBN 978-3-939414-98-8
Kirchengeschichte: Johannes Richter, Sichtung vor Ort – ergänzt und zitiert durch Informationen aus dem Buch Ein Kirchenraum der Moderne in der Provinz – Die Raumgestaltung Karl Völkers in der Dorfkirche Schmirma, Hrsg. Landesamt f. Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, ISBN 978-3-939414-98-8

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