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Orgel: Landsberg / Spickendorf – St. Nicolai

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Gebäude oder Kirche

St. Nicolai

Konfession

Evangelisch

Ort

Landsberg / Spickendorf

Postleitzahl

06188

Bundesland / Kanton

Sachsen-Anhalt

Land

Deutschland

Bildergalerie + Videos

 

Landsberg/Spickendorf (D-ST) – ev. Kirche St. Nicolai – Glocken

 

Orgelvorstellung 18 KOMPAKT – Landsberg/Spickendorf, ev. Kirche St.Nicolai



Bildrechte: Datenschutz

Orgelgeschichte

1728 – 1729 vermutlich erste Orgel der Kirche durch einen “Orgelbauer aus Köthen” (vermutlich Zuberbier, welcher viele Orgeln in der Region baute) erwähnt, es handelte sich dabei um ein mechanisches Werk unbekannter Größe.
1870 Einbau einer neuen Orgel durch Wilhelm Rühlmann (Zörbig) als Opus 11. Der Prospekt ähnelt den anderen frühen Rühlmann-Orgeln und ist heute noch erhalten. Das Werk besaß 8 Register auf einem Manual und Pedal mit mechanischen Schleifladen – Disposition ähnlich der Orgel in Braschwitz.
1917 Abgabe der Prospektpfeifen aus Zinn zu Rüstungszwecken – Ersatz durch Zink durch die Erbauerwerkstatt.
Ab ca. 1925 Planungen zum Umbau/Erweiterung der Orgel, welche den Anforderungen nicht mehr genügte.
1929 Erweiterung bzw. technischer Neubau der Orgel durch Wilhelm Rühlmann (Zörbig) als Opus 435. Es entstand ein vorderspieliges zweimanualiges Werk mit 9 Registern im alten Prospekt auf pneumatischen Kegelladen – dabei wurden Stimmen der alten Orgel (z.B. Subbass 16′) übernommen.
Nach 1970 Verschlechterung des Zustandes, Abhandenkommen vieler Pfeifen der Aeoline 8′ – nur die größten Pfeifen aus Zink blieben erhalten.
2010 Sanierung durch Gemeindemitglieder unter Anleitung von Orgelbauer Hüfken (Halberstadt) – seither besteht ein Wartungsvertrag für die Orgel.

Die Rühlmann-Orgel Opus 435 in Landsberg / Spickendorf zählt zu den wertvollen und fast vollständig original erhaltenen Instrumenten aus romantischer Zeit, die für die Kirchenmusik und würdige Ausgestaltung der Gottesdienste essentiell waren. Hinter dem flachen, dreifeldrigen Prospekt, dessen mittleres Feld durch abkonduktierte, klingende Pfeifen des Principal 8′ besetzt sind, während die beiden
anderen Felder Blindpfeifen enthalten, verbirgt sich heute mit 8 (eigentlich 9) Registern das 435. Werk der produktiven Firma aus Zörbig. Vater (Rühlmann sen.), der 1870 die Orgel mit 8 Registern erbaute und Sohn (Rühlmann jun.), welcher den Prospekt und einige Stimmen 1929 übernahm, reichen sich hier die Hände zu einem Gesamtkunstwerk, das dank des Engagements einiger tüchtiger Gemeindeglieder unter Anleitung
von Johannes Hüfken (Halberstadt) in nahezu jugendlichem Glanze erstrahlt. Das Innere des Werkes zeigt sich in der klassischen Manier der Firma – das Gehäuse liegt dabei quasi in/unter dem Turm, hinter dem romanischen Bogen, welcher den Turm zum Kirchenschiff öffnet. Ganz hinten an der Rückwand liegt der große Magazinbalg, davor steht der Subbass 16′ – noch von 1870 stammend. Davor steht das zweite Manual (mit dem leeren Stock der Aeoline 8′), vor dem Stimmgang direkt hinter dem Prospekt das erste Manual. Alle Werke sind chromatisch aufgestellt. Im ersten Manual sind die Pfeifen d#°-d#’ des Principal 8′ abkonduktiert, die das Mittelfeld des Prospektes bilden.
Bemerkenswert ist eine kleine Windlade, die nach oben abkonduktiert neben dem zweiten Manual steht – sie trägt jeweils 4 Töne der Register des Hinterwerkes (g#”’-c””), die zur Superoktavkoppel II/I gehören – bemerkenswert, dass Rühlmann hier zumindest den in den meisten Fällen genutzten Tonumfang im Manual in der Superkoppel nutzbar macht. Es ist ein Zeichen dafür, dass auch auf kleinen Dörfern “groß gedacht” wurde.
Die kleine Orgel zeigt sich als Instrument am Übergang von Romantik zur beginnenden Orgelbewegung. Trotz der geringen Größe sind reichlich Grundstimmen verschiedenster Art disponiert, darunter eine
auf die Orgelbewegung weisende, lyrisch-klagende Quintadena 8′, die mit ihrem herben, schalen und schneidenden Klang als kantables Solo im Manual gleichsam wie im Pedal als hervortretende, gekoppelte Solostimme, als auch als herbe Färbung eines flötigen Grundklanges nutzbar ist und damit das große Geschick Rühlmanns in der Intonation zeigt. Das Instrument ist nach dem Prinzip des “geteilten Hauptwerkes” erbaut, nach dem die Stimmen (die eigentlich in ein einzelnes Werk der Orgel gehören) auf zwei Manuale aufgeteilt werden, sodass sich die Möglichkeiten des Musizierens (hervorgehobene Cantus Firmi, Triospiel, Echo-Effekte ohne Umregistrieren) im Vergleich zu einem einmanualigen, ungeteilten Werk deutlich erhöhen. So enthält das erste Manual die kraftvollen Stimmen – einen machtvollen, tragenden und gravitätischen, aber nie dumpfen Principal 8′ nebst strahlender Octave 4′ und zweifach gemischter Stimme, deren höchste Reihe (2′) für Glanz und goldene Krönung sorgt. Mehr ist für den akustisch trockenen Kirchenraum nicht von Nöten, sodass der Plenumklang zwar strahlend, aber stets edel und nicht schreiend-spitz sich zeigt. Hier beweist Rühlmann wieder einmal seine große Praxisnähe und feinen Klangsinn, auch den Strömungen der Zeit zum Trotze. Abgestuft wird das erste Manual durch eine mit etwas Strich versehene, flink-perlende Traversflöte 8′, die recht obertönig, aber dennoch rund erklingt. Im zweiten Manual finden sich Charakterstimmen zu 8′ als Begleitregister, aufgehellt durch eine Flöte 4′. Leider ist die mystisch-weiche, streichende Aeoline 8′ mittlerweile abhanden gekommen und noch nicht ersetzt worden, wäre sie doch als Begleitregister für die Flöte des 1. Manuals und als Klangflächenzauberer unbedingt im Klangkonzept vonnöten! Weiterhin findet sich eine füllige, runde, weiche, aber doch bewegliche Hohlflöte 8′, welche fast den Charakter einer Solo-Doppelflöte annimmt. Des weiteren die bereits erwähnte Quintadena 8′ mit klagendem Timbre und eine perlende, spritzige, überblasende Flöte 4′, die durch den Ausbau bis c4 auch als flötiger 2′ mit Superkoppel nutzbar ist. Der Subbass 16′ grundiert dabei warm und füllig das Werk und trägt jedwede Mischung auf angemessene Weise.
Von unbedingter Wichtigkeit für das Funktionieren dieser sparsamen Disposition sind die Oktavkoppeln, die den Klang um Gravität (Subkoppel mit 16′-Effekt bis c°) sowie Glanz und charakteristische Farben (Superkoppel bis c4) erweitern und bereichern und bemerkenswerte Farbeffekte zulassen, z.B. Quintadena 8′ mit Sub-, Normal- und Superkoppel samt Flöte 4′ – ein fast überirdisches, flirrendes, bodenloses und doch kraftvolles Klangbild!
Weitere Spielhilfen sind bis auf einen Tutti-Knopf samt Auslöser nicht vorhanden bzw. ausgespart. Bei 9 Registern wird man kaum eine freie Kombination oder Walze benötigen – ein weiterer Beweis für das Praxisdenken des Werkstattleiters Wilhelm Rühlmann. Mit ihrem warmen und vielfältigen Klang erfüllt die Orgel den kleinen Raum bis in den hintersten Winkel und erklingt dabei stets edel, charakteristisch in den Solostimmen, glanzvoll im Plenum, warm und weich in den Grundstimmen. Ein wertvolles Exemplar romantischer Dorforgelkunst – das Klangbeispiel mag dabei für sich und die Meisterschaft des Erbauers und der Restauratoren sprechen!

Disposition

I – Hauptwerk C – g”’

Principal 8′ (C-H Holz, gedeckt, innen, c°-d° Zink, innen, d#°-d#’ Mittelfeld Prospekt in c/cis geteilt, Zink, ab e’ Zinn, innen)

Flauto traverso 8′ (C-H Holz, offen, c°-c’ Zink, offen, ab c#’ Zinn, offen)

Octave 4′ (C-H Zink, ab c° Zinn)

Rauschquinte 2 2/3′ u. 2′ (2 2/3′ C-F Zink, ab Fis Zinn, 2′ durchg. Zinn)

II – Hinterwerk C – g”’

Hohlflöte 8′ (C-H gedeckt, Holz, c°-fis” Holz, offen, ab g” Zinn, offen)

Quintadena 8′ (C-f° Zink, gedeckt, ab f#° Zinn, gedeckt, ab c”’ offen, ab c#”’ konisch, offen)

Aeoline 8’*

Flûte harmonique 4′ (C-H Zink, 4′-Länge, ab c° Zinn, überblasend, 8′-Länge)

Pedal C – d’

Subbass 16′ (Kiefernholz, gedeckt)

*heute nicht mehr vorhanden, Raster ist bis auf 9 große Zinkpfeifen und 4 Zinnpfeifen (gis”’-c”” der Superkoppel) leer

Spielhilfen

Als Registerschalter ganz links, von links: Sub octav Koppel II/I, Super octav Koppel II/I, Pedal Koppel II [II/P], Pedal Koppel I [I/P], Manual Koppel II/I

Als Registerschalter ganz rechts: Kalkant

Als Kollektivdrücker in der Vorsatzleiste unter Manual I: Volles Werk [weiß], A. [Auslöser, rot]

Gebäude oder Kirchengeschichte

Um 1050 Errichtung einer ersten Kapelle am heutigen Platz am Dorfteich – damals germanischer Kultplatz – zu Missionszwecken.
1262 Neubau einer romanischen Kirche aus Feldsteinmauerwerk.
13. Jahrhundert Schaffung des großen Taufsteins aus Sandstein mit umlaufender romanischer Zier am oberen Abschluss.
1314 erste Erwähnung des Ortes als “Spytendorp”.
Um 1450 Fertigung des fein gestalteten Sakramentshäuschen.
1606 Umbau der Kirche unbekannten Ausmaßes.
1728 – 1729 Umgestaltung der Kirche im barocken Stil, Vergrößerung der Fenster – Einbau von Ältestenloge, Empore und Kanzelaltar.
1917 Abgabe der Glocken zu Rüstungszwecken.
1928 Einbau der Buntglasfenster an der Ostseite.
1928 Guss dreier Glocken aus Eisen durch Schilling&Lattermann, Tonfolge gis’- h’- dis” (730-430-200kg), gestiftet durch Curt Creutzmann aus Spickendorf.
Um 2000 Sanierung des Baukörpers, neuer Verputz der Außenwände.

Die kleine Kirche St. Nicolai in Spickendorf, dem Hl. Nikolaus von Myra wahrscheinlich durch flämische Siedler geweiht, zeigt sich als Musterbeispiel einer kleinen romanischen Dorfkirche im Saalekreis.
An einen breiten Westquerturm mit quer zum Kirchenschiff aufgesetzten Satteldach schließt sich ein rechteckiger, schlichter Kirchsaal mit dickem Mauerwerk an, dessen Halbbogenfenster beim Umbau 1728 – 1729 entstanden.
Auf der Nordseite ist, einem Kreuzarme gleich, eine Vorhalle aus Bruchsteinmauerwerk, vermutlich aus gotischer Zeit mit späteren Umgestaltungen aus dem 19. Jhd. angefügt, die heute den Eingangsbereich samt Treppen zur Empore beherbergt und früher wahrscheinlich als Tauf- und Sakramentskapelle genutzt wurde. Betritt man sie, fällt dem Betrachter direkt ein gotisches Kruzifix und eine Holztafel mit gotischer Malerei des letzten Abendmahles auf, welche vermutlich als Predella an einem alten Altar angebracht war. Beim Eintritt in den Kirchenraum erblickt der Besucher zuerst den großen kelchförmigen romanischen Taufstein aus Sandstein, der an seiner oberen Kante eine romanische Reliefverzierung zeigt. Die Wände des Innenraums sind in weißer Kalkfarbe gehalten und verleihen dem Raum ein feierlich-schlichtes Gepräge, der die anderen Ausstattungsgegenstände umso akzentvoller hervortreten lässt. Dominiert wird der Blick durch den barocken Kanzelaltar, dessen massiver Eindruck durch die blau-goldene Farbgebung samt flankierend angedeuteten ionischen Säulen noch verstärkt wird. In der Predella ist wiederum eine Darstellung des letzten Abendmahls zu sehen. Die floral geschnitzten Seitenwangen des Altars gehen in zwei Durchgänge hinter den Altar über. Der ganze Altar ist mit floralem Hängewerk und Zopfgehängen verziert, ebenso der polygonale, ausschwingende Kanzelkorb. Der Schalldeckel, mit Vorhangschnitzwerk versehen, ist innen mit einer Sonne verziert, die Tür zum Kanzelkorb schmückt ein äußerst detailliertes, qualitätvolles Relief des letzten Abendmahls, korrespondierend mit der Predella. Der auskragende, gerade Abschluss des Altars wird durch ein Strahlendreieck, in den golden den Raum überragend der hebräische Gottesname eingefügt ist bekrönt, welches vor einer geschnitzten Wolke thront. Links und rechts daneben flankieren Putten, gen Himmel blickend, den Gottesnamen. Die Buntglasfenster links und rechts des Altars zeigen Martin Luther zur Linken und Melanchthon zur Rechten, beide Fenster sind zudem mit floralem Zierwerk versehen. Auf der Nordseite des Altars ist ein sehr hochwertig verziertes, aus gotischer Zeit um 1450 stammendes Sakramentshäuschen zu sehen, welches neben der typisch-gotischen Maßwerk- und Filialen Zier auch einen fein gearbeiteten Christuskopf als Symbol für das Sakrament darstellt – es gilt zurecht als das schönste Sakramentshäuschen im Saalekreis. Südlich des Altars befindet sich die Ältestenloge in schlichter Form mit dezent floral gearbeiteten Maßwerköffnungen. Die Empore umläuft in einer geschwungenen U-Form den Raum und versprüht eine schwungvolle Eleganz durch ihre abgerundete Form. Ihre Felder waren einstmals bemalt – heute ist die Farbgebung schlicht braun. Unten am Rand der Empore ist die Jahreszahl 1728 zu lesen.
Hinter dem romanischen Bogen, der den Turm zum Kirchenschiff öffnet, welches zur Südseite durch einen Strebepfeiler abgestützt wird, steht die Orgel, ebenfalls in schlicht-brauner Farbfassung und setzt damit
im Einklang mit der Empore einen interessanten, silber-braunen Akzent im Raum. Mit ihrer schlichten und doch wirkungsvollen Ausstattung ist die Spickendorfer Kirche St. Nicolai ein hervorragendes Beispiel dafür, dass auch auf kleinen, heute kaum bekannten Dörfern edle und hochwertige Baukunst und Ausstattung geschaffen wurde. Der Raum ist von gemütlicher und doch erhabener, sowie edler Atmosphäre, die einen
würdigen Gottesdienst ermöglicht und gerne und viel genutzt wird.

Anfahrt

Quellenangaben


Orgelbeitrag erstellt von:

Dateien Bilder Kirche und Orgel: Johannes Richter
Orgelgeschichte: Johannes Richter, ergänzt durch mündliche Informationen der Gemeindeglieder
Kirchengeschichte: Webauftritt der Gemeinde, Webauftritt der Stadt Landsberg

Glocken- und Orgelvideos von Johannes Richter auf dem Youtube-Kanal JRorgel

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