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Orgel: Landsberg (Saalekreis) / Schwerz – St. Marien

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Gebäude oder Kirche

St. Marien

Konfession

Evangelisch

Ort

Landsberg / Schwerz

Postleitzahl

06188

Bundesland / Kanton

Sachsen-Anhalt

Land

Deutschland

Bildergalerie + Videos



Bildrechte: Datenschutz

Orgelgeschichte

1775 ist eine unbekannte Orgel vorhanden, sie wurde evtl. von Tiensch aus Löbejün erbaut.
1795 Überholung und Pflege durch Johann Leberecht Zuberbier.
1810 Stimmung und Reparatur durch Kurtze/Halle (S.).
1885 Neubau einer vorderspieligen mechanischen Schleifladenorgel II/12 als Opus 69 durch Wilhelm Rühlmann/Zörbig.
1917 Abgabe der Prospektpfeifen aus Zinn zu Rüstungszwecken.
Um 1920 Verhängung der Prospektöffnungen mit Stofftüchern.
Nach 1945 keine weitere Pflege der Orgel, das Instrument blieb original erhalten – vieles fiel dem Vandalismus zum Opfer.
2021 die Orgel ist weitgehend erhalten, aber beschädigt, unspielbar und gefährdet.

Die 69. Rühlmann-Orgel ist eines der Instrumente, welches still und stumm sein Dasein fristet, seines Gesichtes und seiner Existenz weitgehend beraubt. Seit Jahrzehnten ist das Instrument ungespielt, und ist fast in Vergessenheit geraten. Der Prospekt bzw. das Gehäuse zeigt drei rechteckige Flachfelder, umgeben von neuromanischer Zier, flankiert von Pilastern. Halbrunde Giebel mit Rosetten verzieren die Schaufront, die heute mit ihrem gelblichen Tuchwerk vom Vergessen und Verstummen der musikalischen Stimme des Gotteslobes berichtet.
Der Spieltisch ist frontal als Spielschrank mit beidseitigen Türen angebracht, die Registerzüge mit den gedrechselten Manubrien sind beidseitig symmetrisch des Notenpultes angeordnet und besitzen die für Rühlmann typischen weißen Porzellanschilder mit schwarz kursiver Druckschrift.
Im Inneren befinden sich zwei chromatisch aufgestellte Windladen, das Pedal bildet die Rückwand der Orgel – der Balg steht im Turmraum. Die Disposition zeigt sich typisch für Rühlmann bzw. die Romantik mit einem starken Hauptwerk und einem deutlich zurückgenommenen Oberwerk bzw. Nebenwerk, hier in der aufs Nötigste reduzierten Form. Das Hauptwerk wird durch einen Bordun 16′ grundiert, die Principalpyramide wird durch Principal 8′, Octave 4′ und eine dreifache Mixtur gebildet. Grundstimmen der 8′-Lage als Flöte und Streicher stehen dem Principal zur Seite. Ein Gedackt 4′ fächert die 4′-Lage auf. Das zweite Manual besitzt lediglich drei Stimmen als Streicher, stilles Gedeckt und als 4′-Flöte, kann somit das Hauptwerk auffüllen oder als leises Präludierwerk gebraucht werden. Das Pedal mit zwei Stimmen dient als Grundierung und kann mit der Pedalkoppel klanglich aufgefüllt werden.
Der Zustand des Werkes ist heute außerordentlich schlecht. Das Einsatzbrett des Spieltisches mit dem Notenpult ist verschollen, die Registerzüge sind alle nebst der Schilder vorhanden.
Die Klaviaturen sind vollständig vorhanden und nicht beschädigt, alle Tastenbeläge sind vorhanden – auch die Pedalklaviatur ist vollständig und unbeschädigt erhalten. Allerdings ist im ganzen Bereich des Spieltisches starker Holzwurmbefall festzustellen. Das Innere der Orgel zeigt sich in einem traurigen Zustand – diverse Abstrakten, vor allem hinter dem Spielschrank sind beschädigt und zerbrochen, aus den Führungen gerissen. Das ganze Innere ist verstaubt und verdreckt, überall ist starker Wurmbefall zu attestieren. Die Kanalanlage ist am Übergang zum Turm abgetrennt worden. Das Pfeifenwerk ist großteils vorhanden und bis auf Holzwurmbefall an den Holzpfeifen in gutem Zustand. Die Metallpfeifen sind teilweise verschollen, andere wiederum sind umgeknickt, beschädigt, verbeult und gerissen. Die Windladen sind in einem recht guten Zustand. Der Gesamtzustand der Orgel ist traurig und bedenklich, handelt es sich hier doch um ein wertvolles Werk aus der Frühphase einer der produktivsten Orgelbauer Mitteldeutschlands, dessen Erbe hier verfällt.
Dass der Autor über die klangliche Verfassung der Orgel keine Worte verlieren und diese auch nicht anhand ähnlicher, in völlig anderen Räumen stehender Werke rekonstruieren kann, dürfte anhand des Zustandes und der Unspielbarkeit der Orgel kaum ein Wunder darstellen.
Trotzdem wäre es möglich, die Orgel umfassend zu rekonstruieren und eventuell an anderer Stelle wieder aufzustellen, was dem wertvollen Werk sicher sehr gut tun würde und zu wünschen wäre.

Disposition

Manual I – Hauptwerk C – f“‘

Bordun 16′

Principal 8′

Hohlflöte 8′

Viol.di Gamb. 8′

Octave 4′

Gedackt 4′

Mixtur 3 fach

Manual II – Oberwerk C – f“‘

Liebl. Ged. 8′

Salicional 8′

Flaut.amab. 4′

Pedal C – d‘

Subbaß 16′

Princ.Baß 8′

 

Spielhilfen

Als Registerzug links unten: Calcant
Als Registerzüge rechts: Pedal-Copp. [I/P], Vacat. [Symmetriezug], Manual-Copp. [II/I]

Gebäude oder Kirchengeschichte

11./12. Jahrhundert Errichtung einer ersten Steinkirche als Ersatz für einen hölzernen Vorgängerbau.
12. Jhd. Guss der heutigen kleinsten Glocke.
1665 Umgestaltung.
1729 erneute Umgestaltung und Anbau einer Sakristei im Süden, Einbau der heutigen barocken Ausstattung.
1883 „Wiederherstellung“ also Renovierung des gesamten Baukörpers, Aufsatz des Dachreiters auf den Turm.
1942 Abgabe zweier historischer Glocken frühgotischer Zeit zu Rüstungszwecken.
Um 1960 Guss zweier Glocken aus Eisenhartguss bei Schilling&Lattermann, Nominale es‘, g‘

2021 Die Kirche wird seit fast zwei Jahrzehnten kaum noch und seit etwa 10 Jahren gar nicht mehr genutzt. Die Innenausstattung ist stark beschädigt und in der Substanz empfindlich getroffen. Die bauliche Substanz ist aber grundsätzlich gesichert. Gottesdienste finden in Schwerz nicht mehr statt.

Die Marienkirche in Schwerz liegt am Rande des Ortes umgeben vom Friedhof mit seinen malerischen Baum- und Buschwuchs, der die Kirche umschließt. Das Bauwerk ist als einschiffige Saalkirche von rechteckigem Grundriss mit geradem Ostabschluss und breitem, steinsichtigen Westquerturm errichtet, der überaus monumentale Ausmaße hat. Im Süden ist eine ehemalige Loge angefügt. Das Kirchenschiff ist verputzt und mit Eckquaderungen versehen. Der Turm besitzt an den Stirnseiten in West und Ost je fünf niedrige rundbogige Schallöffnungen, an den Seiten je zwei. Auf dem Satteldach des Kirchturmes ist seitlich ein Dachreiter mit spitzem Helm aufgesetzt. Das Kirchenschiff besitzt Dachgauben. Die Fenster sind als breite, flachbogige Fenster ausgeführt. Die Laibungen sind mit Ziegelsteinen ausgemauert, die zum Teil durch Abplatzen des Putzes sichtbar sind.
Von außen zeigt sich das Bauwerk in einem guten Zustand – dies ändert sich aber beim Betreten. Das an sich helle Innere wird von einer Holztonne überspannt, die mit gemalten Zierkartuschen mit Darstellungen der vier Evangelisten verziert ist. An den Übergängen in das Mauerwerk sind teilweise Bretter fehlend und abhanden gekommen und lassen Teile des Tragewerkes sichtbar werden. Der Boden ist von einer dicken Staubschicht überzogen. Die Loge auf der Südseite besitzt keine Verkleidung und keine Einrichtung mehr – ein Gerüst aus Holzbalken trennt sie vom Kirchenschiff ab und stützt gleichzeitig das marode Mauerwerk. Das Innere zeigt nur noch einen Schein seiner einstigen Pracht, an vielen Stellen ist der Putz abgebröckelt und lässt das Mauerwerk dahinter sichtbar werden – Balken der Deckenverkleidung fehlen. Der große Kanzelaltar ist verblichen, aber von großer Schönheit und edler Ausführung. Zwei rot marmorierte freistehende Säulen mit ionischen Kapitellen umrahmen den Kanzelkorb, dessen vorschwingendes Mittelfeld mit einem floralen Schnitzrelief verziert ist, in dem sich eine Darstellung der Bergpredigt befindet. Unter dem reich geschnitzten Fuß des Kanzelkorbes ist in der Predella ein Relief des letzten Abendmahls zu sehen. Der Schalldeckel ist mit goldenem Vorhangwerk verziert und trägt innen einen Strahlenkranz. Auf dem Schalldeckel ist eine Putte mit der Bibel zu sehen. Darüber erhebt sich als Durchbrechung des mächtigen Giebels eine Figur des Auferstandenen umgeben von Wolkenschnitzwerk und Strahlenkranz, flankiert von Putten mit Zierkartuschen. Die Durchbrechung des starren, mächtigen Giebels durch diese Christusfigur wirkt wie eine Darstellung der Durchbrechung des Todes durch den Heiland.
Links und rechts des Kanzelkorbes sind zwei Puttenköpfe, umgeben von geschnitzten farbigen Blüten, angebracht. Zwei lebensgroße Engelsfiguren flankieren den Altar. Das Taufbecken ist aus Sandstein und ruht auf einem runden Schaft. Die Fensternischen zeigen verblichene Reste floraler Malerei auf ockerfarbenem Grund. Die Empore ist doppelgeschossig und im Untergeschoss hufeisenförmig angelegt, das Obergeschoss durchmisst die gesamte Breite des Kirchenschiffes mit einer Balustrade. Die südliche Seite der oberen Empore ist bis auf das tragende Balkenwerk nicht mehr vorhanden, da sie stark vom Holzwurm durchfressen und somit vom Einsturz bedroht war. Der vorschwingende Mittelteil muss durch einen mächtigen Balken auf dem Erdboden abgestützt werden. Die untere Empore besitzt rechteckige, blau gefärbte Zierfelder, die verblichene Reste von goldener Frakturschrift zeigen – einst waren hier biblische Sprüche zu sehen.
Das Innere der Schwerzer Kirche zeigt sich auch heute noch prachtvoll, wenngleich verblichen, vergessen, still und verlassen. Es wäre zwar wohl nur ein Traum, aber dennoch zu wünschen, dass die edle Ausstattung dieser Kirche restauriert und wieder in vollem Umfange so wie das Bauwerk selbst dem Lobe Gottes zugänglich gemacht werden würde.

Anfahrt

Quellenangaben


Orgelbeitrag erstellt von:

Dateien Bilder Kirche und Orgel: Johannes Richter
Orgelgeschichte: Johannes Richter – eigene Sichtung 01.07.2020, ergänzt durch Informationen aus W. Stüven: Orgel und Orgelbau im Halleschen Land vor 1800, Breitkopf&Härtel, Wiesbaden 1964
Kirchengeschichte: Johannes Richter mit Informationen eines Merkblattes von R. Pusch sowie W. Stüven – Orgel und Orgelbau im Halleschen Land vor 1800, Breitkopf&Härtel, Wiesbaden 1964

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