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Orgel: Landsberg / Eismannsdorf – St. Simonis et Judae

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Gebäude oder Kirche

St. Simonis et Judae

Konfession

Evangelisch

Ort

Landsberg / Eismannsdorf

Postleitzahl

06188

Bundesland / Kanton

Sachsen-Anhalt

Land

Deutschland

Bildergalerie + Videos

 

Niemberg/Eismannsdorf (D-ST) – ev.Kirche St.Simonis et Judae -Einzel- und Vollgeläut (Turmaufnahme) voon Johannes Richter auf dem Kanal “JRorgel”



Bildrechte: Datenschutz

Orgelgeschichte

1654 nach dem dreißigjährigen Krieg Aufstellung eines Regals in der fast 10 Jahre ungenutzten Kirche, vermutlich existierte davor schon eine Orgel

1688 Verkauf eines “alten Positifs” an den Schulmeister des Ortes

1716 erster Nachweis einer Orgel in Eismannsdorf, vermutlich durch Tiensch/Löbejün, der kurz vorher in Brachstedt baute

1728 Reparatur der Orgel durch Heinrich Tiensch/Löbejün

1840 wurde durch den Orgelbauer Baumgarten aus Merseburg eine Orgel erbaut, von welcher der heutige Prospekt stammt – bei den Reinigungsarbeiten fand sich im Inneren des Instrumentes ein Holzbrett, folgendermaßen mit Sütterlin beschriftet:
“Spieltischbrett [?] – von der alten Orgel – 1840 erbaut, 1880 abgebrochen” (die Striche bedeuten jeweils einen Zeilensprung).
Diese Orgel wurde bemerkenswerterweise von Wilhelm Rühlmanns Vater Friedrich Wilhelm Rühlmann als Geschäftsführer für Baumgarten erbaut. Sie besaß etwa 10 Register auf mechanischen Schleifladen.

Derzeitige Orgel

1913 Einbau der neuen Orgel mit linksseitig fest angebautem Spieltisch, hinter den bestehenden Prospekt mit pneumatischen Kegelladen als Opus 358 von Orgelbauer Wilhelm Rühlmann (Zörbig) II/8. Dabei wurde der vormals klingende Prospekt stummgelegt und mit nicht klingenden Blindpfeifen besetzt (Öffnungen für die Kondukten samt Beschriftung der Töne noch vorhanden).
1952 erhielt die Orgel einen elektrischen Winderzeuger von Rudolf Böhm aus Gotha. Das Datum lässt sich aus dem auf dem Motor angebrachten Lieferschein mit der Bahn nach Niemberg nachweisen – der Winderzeuger kam hinter der Orgel im Turm zu stehen.
Mitte der 1970er Jahre Einstellung der Nutzung der Kirche und folglich Verfall der Orgel. Das Werk wurde aber glücklicherweise nicht durch Vandalismus, sondern “nur” durch geringe Mengen Wasser und Marderspuren beschädigt.
2018 Reinigung und Sichtung des Instrumentes durch J. Richter und T. Anschütz aus Halle/Saale – dabei umfangreiche Dokumentation und Pläne zur Spielbarmachung, die auch in die Gemeinde aufgenommen wurden. Eine Restaurierung scheint also nicht undenkbar.

Die Eismannsdorfer Rühlmann-Orgel aus dem Jahre 1913 mit ihren 8 Registern stellt ein eindrucksvolles Zeugnis der Orgelbaukunst der Orgelbauanstalt Wilhelm Rühlmann (Zörbig) dar.
An ihr lässt sich gut die rühlmannsche Disposition für kleine Instrumente erkennen – ein voll besetztes Hauptwerk (also mit Principal, starker und schwacher Flöte sowie Streicher in der 8′- Lage, Octave 4′ und Klangkrone) wird aufgeteilt auf 2 Manuale, was die Klangvielfalt deutlich erhöht und für das gottesdienstliche Spiel, aber auch für das Literaturspiel große Vorteile bietet. Eine „Oberoctavkoppel“ II/I gibt zusätzlich die Möglichkeit, dieses Klangspektrum noch auszuweiten und z.B. die Gambe 8′ als leises Pendant zur Octave 4′ zu nutzen, oder das Lieblich Gedeckt 8′ zu einem Flötenensemble 8′-4′ anzukoppeln und dergleichen mehr. Diese Art und Weise der Disposition findet man auch an kleinen Orgeln Friedrich Ladegasts, bei dem Rühlmann in die Lehre ging – bei Ladegast fehlt jedoch die Oberoktavkoppel.

Die Aufstellung der Pfeifen im Inneren erfolgte chromatisch. Die Manuale stehen vorne auf einer gemeinsamen, großen Lade, hinter dem Stimmgang an der Wand steht ebenerdig das Pedalwerk. Nach notdürftigem Flicken des Schöpfbalges konnten einige Probetöne genommen und ein Überblick über die Spielbarkeit und den Zustand der Pneumatik gewonnen werden, welcher zeigte, dass die gesamte technische Anlage die jahrelange Vernachlässigung recht gut überstanden hat – fehlende Töne sind vor allem durch mechanische Ursachen wie klemmende Tasten zu erklären. Der Balg bedarf einer gründlichen Überholung. Das Pfeifenwerk ist glücklicherweise vollständig erhalten – zwei Pfeifen fanden sich nebst einem toten Igel unter der Windlade und wurden wieder eingesetzt. Im Rahmen der Sichtung erfolgte eine Reinigung aller Pfeifen und der Windladen sowie eine Sicherung der Decke über der Orgel und eine umfassende Säuberung von Balg und Balganlage, die etwa 10 Eimer Schutt an den Tag brachte. An einigen Pfeifen fanden sich Marderbissspuren. Der Spieltisch bedarf einer Überholung der Filze sowie Reparatur einiger Tastenfedern.  Eine Sanierung dieses Zeugnisses romantischer Orgelbaukunst in kleinen Dorfkirchen ist dringend geboten und wünschenswert.

Disposition

I. Hauptwerk C – f”’

Principal 8′ (C-H Holz, offen, Rollenbärte, ab c° Zink, ab fis° Zinn)

Hohlflöte 8′ (C-H gedeckt, Holz, ab c° offen, C-dis² Holz, ab e² Metall)

Oktave 4′ (durchg. Zinn, ab h° Seitenbärte)

Rauschquinte 2 2/3’+2′ (durchg. offen, Zinn, ohne Repetition)

II. Oberwerk C – f”’

Liebl. Gedackt 8′ (C-f² Holz, gedeckt, ab fis² Zinn, gedeckt)

Gamba 8′ (durchg. Zinn, offen, ab a’ Kastenbärte)

Pedal C – d’

Subbass 16′ (durchg. Holz, gedeckt)

Cello 8′ (C-H Zink, Rollenbärte, gekröpft, ab c° Zinn)

 

Spielhilfen

Mittig über dem zweiten Manual, von links nach rechts:
Manual-Koppel, Pedal-Koppel z.I.M., Pedal-Koppel z.II.M., Super-Oktav-Koppel II/I, Volles Werk, Kalkant

Gebäude oder Kirchengeschichte

um 1270 Bau der heutigen Kirche als romanischer Bruchsteinbau aus Porphyr – zunächst noch ohne Turm. Eine weiter zurück reichende Missionsaktivität verbunden mit dem Bau eines hölzernen Gotteshauses scheint angesichts des Patroziniums denkbar.
14. Jahrhundert Anbau des Westquerturms, auf eine spätere Erbauung weisen die Mauerfugen zwischen Kirchenschiff und Turm hin.
18. Jahrhundert ist die Kirche baufällig. Es erfolgte eine Reparatur, bei welcher an Ost- und Südwand neue Fenster eingebaut wurden. Zudem wurde in dieser Zeit die äußerst schlichte Innenausstattung realisiert – im Wesentlichen blieb der kleine romanische Bau unangetastet.
Um 1850 Anbau der Vorhalle (heutiger Eingang), teilweise wurde diese im Saalkreis auch als Aufbahrungsraum für Trauerfeiern genutzt.
Um 1880 Guss zweier neuer Glocken bei Ulrich (Laucha-Apolda), die im ersten Weltkrieg abgegeben werden mussten. Der alte Glockenstuhl im Turm weist jedoch auf ein deutlich älteres Geläut hin.
1922 Guss dreier neuer Glocken aus Eisen bei Schilling&Lattermann, Tonfolge a’-c”-d” (verzogen)
1970er Jahre Aufgabe der gottesdienstlichen Nutzung – der Zustand des Gebäudes verschlechterte sich.
2013 Reparatur des Daches und der Außenhülle. Auf Grund der wenigen Nutzung Trennung der Kirche vom Stromanschluss.
2021 wird die Kirche wieder häufiger genutzt, wozu auch die Aktivität rund um die Orgel beigetragen haben mag. Eine Ausweitung dieser Nutzung ist wünschenswert.

Die kleine Kirche im Gleisbogen zwischen Niemberg und Stumsdorf zeigt sich als einschiffiger Bruchsteinbau in Rechteckform mit angefügtem Westquerturm, welcher ein Satteldach trägt. Neben den im 18. Jahrhundert eingefügten, barocken Bogenfenstern mit unverputzter Ziegelfassung sind die Schallfenster des Turmes, sowie ein Fenster an der Nordwand noch romanisch. Durch ein kleines gotisches Portal betritt man aus der im 19. Jahrhundert angebauten Vorhalle den hellen, äußerst schlichten Innenraum. Der weiß getünchte Innenraum wird von einer mit dezenter floraler Motivik bemalten Kassettendecke aus Holz überspannt. Ein gotisches, schlichtes Sakramentshäuschen ist in die Nordwand eingelassen. Der Altartisch mit Weihekreuzen stammt aus der Erbauungszeit der Kirche. Aus dem 18. Jahrhundert stammt der Rest der äußerst schlichten Ausstattung – die vollkommen unverzierte, polygonale Kanzel; der schlichte, nur ein Kruzifix und eine Abendmahlsdarstellung in der Predella zeigende Altar, welcher von angedeuteten korinthischen Säulen flankiert wird, sowie die L-förmige Empore und die kleine Loge mit floral angedeutetem Schnitzwerk auf der Nordseite der Kirche. Damit ist die Eismannsdorfer Kirche ein wertvolles Beispiel für kirchliche Kunst in kleinen Dörfern im Wandel der Zeit, und sollte, um ihrer einmaligen Atmosphäre willen, gepflegt und erhalten bzw. saniert werden.

Anfahrt

Quellenangaben


Orgelbeitrag erstellt von:

Bilder Dateien Kirche und Orgel: Johannes Richter
Orgelgeschichte: Johannes Richter – Bestandesaufnahme und Dokumentation vor Ort, ergänzt durch Informationen aus W.Stüven: Orgel und Orgelbauer im Halleschen Land vor 1800, Breitkopf&Härtel, Wiesbaden 1964

Kirchengeschichte: Eigene Sichtung, Webauftritt der Gemeinde
Glockenvideo von Johannes Richter auf Youtube auf dem Kanal “JRorgel”

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