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Orgel: Halle (Saale) / Reideburg – St. Gertraud

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Gebäude oder Kirche

St. Gertraud

Konfession

Evangelisch

Ort

Halle (Saale) / Reideburg

Postleitzahl

06116

Bundesland / Kanton

Sachsen-Anhalt

Land

Deutschland

Bildergalerie + Videos

 

Halle (Saale)/Reideburg (D-ST) – ev. Kirche St.Gertraud – Einzel- und Vollgeläut (Turmaufnahme)

 

Orgelvorstellung 5 – Halle (Saale)/Reideburg, St.Gertraud



Bildrechte: Datenschutz

Orgelgeschichte

1716 Schenkung eines Positives, möglicherweise erbaut durch David Zuberbier, der ein Jahr später in Büschdorf eine Orgel baute.
1724 scheint das Orgelwerk unspielbar oder abgebrochen worden zu sein, ab diesem Jahr erfolgt keine Erwähnung von Calcantengeldern.
1732 Kauf und Aufstellung eines Orgelwerkes, gekauft für 120 Rt. durch die “Schmidtschen Erben zu Taucha”, über diese Orgel ist leider nichts bekannt.
1738 Reparatur dieser Orgel.
1745 – 1746 Vergrößerung der Orgel.
1771 Ergänzung einer Posaune 16′ durch Joh. Chr. Zuberbier.
1798 große Reparatur für 110 rt.
1847 Orgelneubau durch Friedrich Wilhelm Wäldner, er verpflichtete sich dabei ein Salicional 4′ aus Probezinn zu schaffen, vorderspielige mechanische Schleifladenorgel II/16 mit integriertem Spieltisch.
1917 Abgabe der Prospektpfeifen.
1937 Pflege der Orgel durch Wwilhelm Rühlmann (Zörbig), im Zuge dessen Ersatz der abgegeben Prospektpfeifen durch Zink in falscher Mensur.
Um 1980 Umdisponierung durch Kantor Fritzsche (Halle). Registerschilder wurden mit Papier überklebt und neu beschriftet, das Cornett des zweiten Manuales getrennt und in Einzelreihen aufgestellt, die Gambe aus dem 2. Manual in das erste versetzt, dafür die Hohlflöte entfernt.
Im Zuge dieser Arbeiten wurde das gesamte Innere mit Hylotox gegen Holzwurm präpariert.
2021 Die Orgel ist spielbar, bedarf aber einer Restaurierung und Überholung.

Die Reideburger Wäldner-Orgel ist eines der sehr wertvollen Instrumente der Region, ist sie doch ein größeres Instrument aus der Hand des Hallenser Werkstattvaters Friedrich Wilhelm Wäldner, der während des Baues der Domorgel aus dem Leben gerufen wurde. Das Instrument steht in einem edel-schlichten spätbarocken Gehäuse mit drei Flachfeldern. Das mittlere, deutlich überhöhte Feld wird von einem Spitzgiebel bekrönt.
Dezent vergoldetes Schleierwerk rahmt die Pfeifenfelder und gibt dem Prospekt ein harmonisch-erhabenes Aussehen. Das Innere zeigt sich für diese Zeit typisch aufgebaut. Auf Höhe der Prospektöffnungen liegt eine Windlade für beide Manuale, die über zwei Wellenbretter angesteuert wird. Vorne liegt das erste Manual, dahinter das zweite Manual. Hinter dem Stimmgang steht das Pedal mit den großen Bässen, sein Wellenbrett liegt hinter dem Spieltisch. Alle Windladen sind in C- und Cis-Seite zur Mitte hin aufsteigend geteilt. Die Pedalpfeifen bestehen komplett aus Holz.
Der Klang der Orgel zeigt sich nach der Umdisponierung teilweise verändert, aber nicht allzu stark entstellt. Das Hauptwerk zeigt nach wie vor kräftige Klänge durch den vollständigen Principalchor 8′-4′-2′, bekrönt von einer strahlenden Mixtur. Lediglich dem Principal 8′ mangelt es etwas an Tragfähigkeit, da seine Prospektpfeifen etwas enger mensuriert sind, als sie bei Wäldner gewesen sind – dies lässt sich aus den Prospektrastern ablesen. Zudem ist die Labierung etwas schmaler ausgeführt und die Pfeifen sind höher aufgeschnitten, als Wäldner dies an anderen Orgeln getan hätte. Dadurch ist der Klang der Prospektpfeifen etwas dumpf und matt, trägt nicht so gut wie die Innenpfeifen selbigen Registers. Die Octave 4′ ist hell-strahlend, ein wenig streichend, Octave 2′ leicht angeschärft und spitz, sehr herb, strahlend-golden glänzt die Mixtur über diese Principalreihe. Der füllige, etwas dumpfe, doch sehr warme Bordun 16′ grundiert das Hauptwerk mächtig. Abgestuft werden diese Klänge durch ein warmes, etwas hohles Gedackt 8′ mit leicht spuckender Ansprache, sowie einer recht scharfen, gläsernen Gambe 8′, die einst im zweiten Manuale stand. Das Gedackt 4′, typisch für Wäldner, hellt mit seinem verspielten, fröhlich-perlenden Klang den Flötenchor auf.
Das zweite Manual erlitt die größten charakterlichen Veränderungen, indem das Cornett getrennt und in Einzelreihen aufgestellt und dafür die für das Gewicht des zweiten Manuales so wichtige, bei Wäldner stets scharf und hell intonierte Streicherstimme 4′ entfernt wurde, die als Principalsubstitut die Verbindung zum Cornett bildete. Dieses Salicional ist leider verschwunden. Das zweite Manual wird durch eine weich perlende Flöte 8′ und eine sanfte, sehr zurückhaltende Flöte 4′ gegründet, darauf bauen sich die einstigen Cornettreihen 2 2/3′ in principalischer Mensur, 2′ in eher flötiger Mensur und 1 3/5′ in flötiger Mensur auf, die zwar eine Sesquialteraregistrierung sehr melancholischer Art erlauben, aber durch das Fehlen der scharfen Streicher zu 8′ und 4′ keine wirkliche Verbindung zu den anderen Stimmen des zweiten Manuales haben und damit etwas “in der Luft hängen”. Durch die Manualcoppel kann der Klang des Hauptwerkes durch diese Stimmen aber überzeugend aufgefüllt und terzhaltig verstärkt werden, was in Verbindung mit dem Bordun 16′ abseits einiger Verstimmungen für einen überaus eindrucksvollen Effekt sorgt. Das Pedal ist mit den zwei großen Sechzehnfüßen gut besetzt, um jedwede Registrierung zu tragen. Ein offener, hier leicht streichender, sehr weicher Achtfuß konturiert den Klang und sorgt für Zeichnungsfähigkeit. Die Pedalkoppel ist aber spätestens bei größeren Grundstimmenregistrierungen vonnöten. Die Klangfarben sind mannigfaltig, kraftvoll, weich, aber auch strahlend-hell, mächtig, doch auch lyrisch-melancholisch und bieten dem Spieler damit eine Vielzahl von Möglichkeiten, die immer wieder beeindrucken.
Der Spieltisch mit seinen Manubrien links und rechts der mit schwarzen Ebenholz- Untertasten ausgestatteten Klaviaturen ist typisch für Wäldner. Außen sind die Registerzüge für das erste Manual und das Pedal zu finden, innen die für das zweite Manual. Unten rechts und links sind die Spielhilfen untergebracht – ein sehr angenehmes und intuitives System! Alle Registerschilder sind aus weißem Porzellan gefertigt und mit schwarzer Schrift versehen. Erschwerend kommt für einen unkundigen Spieler hinzu, dass teilweise die Beschriftungen der Umdisponierungen sich von den Schildern gelöst haben und heute nicht mehr sichtbar sind. Ebenso sollte der kurze Umfang des Pedals, die kurzen Obertasten desselben sowie die kleinen Abstände zwischen den Obertasten des Manuales beachtet werden. Die Spielbarkeit ist aber auch mit Manualcoppel überaus angenehm und recht leicht, einzelne Tasten entbehren aber heute einen klar fühlbaren Druckpunkt.
Der Zustand des Instrumentes erfordert eine baldige Renovierung. Einzelne Metallpfeifen sind verbeult und beschädigt, die Windladen an den Spundbrettern teilweise undicht. Einzelne Pedalpfeifen sind vom Holzwurm befallen. Zum Schutz vor diesem wurde die ganze Orgel mit DDT Hylotox aus BEV-Produktion eingestrichen, sodass sie heute im Inneren glitzert wie eine Winterwunderwelt. Diesem Faktum sollte baldigst Abhilfe geschaffen werden. Des Weiteren sind immer wieder einzelne Heuler wegen zu schwacher Ventilfedern festzustellen. Die Filze müssen ausgetauscht und erneuert werden, teilweise sind Döckchen angebrochen. An den zwei Keilbälgen im Turm sind einige Undichtigkeiten vorhanden, manchmal klemmt das Drosselventil. Die Orgel ist jedoch gut spielbar und erfreut, durch zwei Keilbälge im Turm mit Wind versorgt, mit frisch vollem Klang und mit vielen Farben, die durch den Spieler zu entdecken sind. Eine Sanierung auf den Zustand von 1847 wäre, gerade im Beisein der “großen Schwester” im Dom, welche nahezu zeitgleich entstand, sehr zu wünschen.

Disposition

Disposition 2021

Manual I – Hauptwerk C – f”’

Bordun 16 Fuß.

Principal 8 Fuß.

Gedackt 8′

Gambe 8′ (aus OW)

Octave. 4 Fuß.

Gedackt. 4 Fuß.

Octave 2 Fuß.

Mixtur. 3 fach.

 

 

Manual II – Oberwerk C – f”’

Flauto traverso 8 Fuß.

Flauto amabile 4 Fuß.

Quinte 2 2/3’* (Einzelreihe aus Cornett)

Oktave 2′ (aus Cornett)*

Terz 1 3/5′ (aus Cornett)*

 

Pedal C – c’

Subbaß 16 Fuß.

Violonbaß. 16 Fuß.

Violon,,Cello. 8 Fuß.

*Registerschilder mit Papier überklebt, mit Filzstift beschriftet, teils abgefallen und unleserlich

Disposition 1847

Manual I – Hauptwerk C – f”’

Bordun. 16 Fuß.

Principal. 8 Fuß.

Hohlflöte 8 Fuß.

Gedackt. 8 Fuß.

Octave. 4 Fuß.

Gedackt. 4 Fuß.

Octave. 2 Fuß.

Mixtur. 3 fach.

Manual II – Oberwerk C – f”’

Flauto traverso. 8 Fuß.

Viola di Gamba. 8 Fuß.

Salicional 4 Fuß.

Flauto amabile 4 Fuß.

Cornett. 3 fach.

Pedal C – c’

Subbaß 16 Fuß.

Violonbaß. 16 Fuß.

Violon,,Cello. 8 Fuß.

 

Spielhilfen

Als Registerzüge links: Manual,,Coppel. [II/I], Pedal,,Coppel. [I/P]
Als Registerzüge rechts: Calcanten,,Klingel. [heute außer Funktion], Vacat. [Symmetriezug]

Gebäude oder Kirchengeschichte

Um 800 Errichtung eines ersten Holzkirchenbaus in der Niederung der Reide zu Missionszwecken durch die Franken in der Burg Reideburg, die Hl. Gertraud war eine beliebte fränkische Patronin.
Um 1150 Bau einer Steinkirche in Bruchsteinmauerwerk im romanischen Stil mit Westquerturm.
Um 1430 Schaffung des gotischen Schnitzaltars.
Um 1450 Umbau im Stile der Gotik und Vergrößerung der Kirche.
Um 1580 Einbau der Kanzel in Formen der Spätrenaissance.
1724 – 1725 Barockisierung und Vergrößerung der Kirche, Einbau einer L-förmigen, doppelgeschossigen Empore.
1890 Anfügung der Eingangshalle im Süden der Kirche in Backsteinbauweise.
1917 Abgabe zweier Glocken zu Rüstungszwecken.
1927 Einbau eines Stahlglockenstuhles, Guss dreier neuer Glocken durch Schilling (Apolda).
1942 Abgabe der zwei kleinen Glocken, die Größte blieb im Turm.
1958 – 1960 Renovierung und Purifizierung der Kirche, Entfernung des oberen Emporengeschosses. Neue Bemalung der Zierfelder der Empore, Entfernung eines Kanzelaltars, an dessen Stelle das gotische Altarretabel trat.
1960 Ankauf zweier gebrauchter historischer Glocken aus einer Kirche bei Delitzsch, die an gekröpfte Stahljoche im Turm gehängt wurden.
1995 – 1996 erneue Renovierung der Kirche

Die Kirche in Reideburg, an der Stelle einer ehemaligen Burg gelegen, schmiegt sich malerisch zwischen hohe Bäume auf dem ehemaligen Kirchhof. Ihr Aussehen entspricht dem typischen Charakter der Kirchen dieser Region, obgleich die Kirche in Reideburg ein für ein Dorf überaus eindrucksvolles Bauwerk darstellt. Der Kirchsaal ist einschiffig ausgeführt, wurde aus Bruchsteinmauerwerk erbaut, welches heute verputzt ist. Der Grundriss des Kirchenschiffes ist rechteckig mit geradem Ostabschluss, im Süden ist eine Eingangshalle aus Backsteinen angefügt. Die Fenster des Kirchenschiffes sind als hohe Halbbogenfenster mit flachem Bogen ausgeführt. Der Turm reicht über die gesamte Breite des Kirchenschiffes und steht auf rechteckigem Grundriss. Er ist ebenfalls aus Bruchsteinmauerwerk erbaut und zeigt sich heute unverputzt. Das Glockengeschoss des trutzigen Westbaus zeigt romanische Doppelarkaden in einem vereinenden Bogen. Das Dach ist als Walmdach ausgeführt.
Das Innere ist seit 1960 sehr schlicht und wird von einer in Barockzeiten geschaffenen, weiß verputzten Holztonne überspannt. Der Raumeindruck ist durch die weißen Wände und die weiße Tonne in Verbindung mit den hohen Fenstern, die an der Ostwand ein gelbes Zierband aus Buntglas besitzen, sehr hell und freundlich. Der Blick des Betrachters fällt auf das im Osten stehende, edel gefertigte dreiteilige Altarretabel aus gotischer Zeit, edel aus Holz geschnitzt und reich vergoldet. In ihm ist eine Darstellung der Marienkrönung zu sehen, flankiert von Heiligenfiguren in den Seiten. Hinter dem Altar ist in der Wand eine kleine zurückschwingende Nische zu sehen, die auf das Vorhandensein eines Kanzelaltars hinweist, dessen Kanzelkorb heute rechts vom Altar ebenerdig aufgestellt ist. Der oktogonale Kanzelkorb zeigt sich recht schmucklos, mit durch Pilaster getrennten Rechteckfeldern verziert, die heute farblich abgesetzt sind. Auf der Südseite des Kirchenschiffes ist in die Wand das monumentale Epitaph von Ritter Rudolph von Rauchhaupt zu sehen, das 1604 anlässlich dessen Todes geschaffen wurde und den Verstorbenen knieend zeigt, umrahmt von floral umschlungenen Pilastern, bekrönt durch einen Giebel mit der Hl. Jungfrau Maria. Diverse Bibelverse geleiten den Verstorbenen. Auf der Nordseite unter der Empore ist eine kleine Loge mit schlichten Fenstern untergebracht. Die Empore, einst zweigeschossig, ist heute nur noch einfach ausgeführt und L-förmig an West- und Nordwand angepasst. Ihre rechteckigen Stützen besitzen am Übergang zur Empore ein goldenes Zierband. Die Emporenbrüstung besitzt rechteckige Zierfelder, die heute mit biblischen Sprüchen sowie biblischer Symbolik verziert sind. Ein breiter Querbalken vor der Orgel, der einst die zweite Empore trug, gemahnt noch an diese und ist ihr einziger Zeuge. Der Orgelprospekt wirkt in diesem Raum in seiner kantigen Schlichtheit sehr eindrucksvoll und monumental, ohne aber zu dominant zu sein.
Die Atmosphäre des Gotteshauses ist eine edle, erhabene, ernsthafte und dennoch freundlich-helle, das Irdische und das Himmlische andachtsvoll verbindende, die bei regelmäßigen Gottesdiensten erlebt werden kann.

Anfahrt

Quellenangaben


Orgelbeitrag erstellt von:

Dateien Bilder Kirche und Orgel: Johannes Richter
Orgelgeschichte: Johannes Richter, eigene Sichtung, ergänzt durch Informationen aus W. Stüven – Orgel und Orgelbau im Halleschen Land vor 1800,
Breitkopf&Härtel, Wiesbaden 1964 sowie Informationen der Wäldner-Webseite
Kirchengeschichte: Johannes Richter, basierend auf Informationen von D. W. aus dem GKR

Youtube-Videos von Johannes Richter auf dem Kanal JRorgel

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