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Orgel: Halle (Saale) / Kanena – St. Stephanus

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Gebäude oder Kirche

St. Stephanus

Konfession

Evangelisch

Ort

Halle (Saale) / Kanena

Postleitzahl

06116

Bundesland / Kanton

Sachsen-Anhalt

Land

Deutschland

Bildergalerie + Videos



Bildrechte: Datenschutz

Orgelgeschichte

1793/94 Neubau einer Schleifladenorgel mit I/P durch Johann Friedrich Leberecht Zuberbier – es sollte sein letztes Werk sein.
Preis des Werkes: 185 Taler.
Ab 1900 Überlegungen zu einem Neubau
1913 Neubau einer pneumatischen Kegelladenorgel II/12 mit frontal angebautem Spieltisch in das alte Gehäuse durch Wilhelm Rühlmann/Zörbig, Opus 361 – dabei Erweiterung des Prospektes an den Seiten.
1917 Abgabe der Prospektpfeifen aus Zinn.
1920er Jahre Einbau neuer Prospektpfeifen aus Zink und eines elektrischen Winderzeugers durch Orgelbauer Rühlmann.
1982 Reparatur der Orgel durch Thomas Hildebrandt/Halle.
2021 das Werk ist zwar spielbar, aber verschmutzt – einige Ausfälle sind zu verzeichnen. Die Orgel wird sehr selten genutzt.

Die Rühlmann-Orgel in Kanena, eines der jüngeren Instrumente der Werkstatt, steht hinter dem zu den Seiten erweiterten Prospekt von der Orgel von 1794.
Der Prospekt gliedert sich in fünf Felder: ein gerundet überhöhtes Mittelfeld, zwei anschließende kleine Flachfelder sowie zwei harfenförmige Flachfelder, welche die Prospektfront umrahmen und deren Zusammenführung von aufsteigenden Labienreihen und abfallenden Pfeifenlängen sehr wirkungsvoll ist und dem Prospekt etwas Geschwungenheit, von Starrheit befreites verleiht. Von Rühlmann stammen die seitlichen Holzfelder. Schlichtes, aber wirkungsvolles Schleierwerk verziert die Schaufront. Der Spieltisch ist firmentypisch vorne angebracht.
Da die neue Orgel durch das gewandelte Klangbild wesentlich mehr Raum forderte als die bisherige Orgel, wurde der Prospekt behutsam seitlich erweitert, vor allem aber das Werk in die Tiefe des Turmes hinein erbaut, nahezu bis an die Rückwand. Der Magazinbalg mit Schöpfer steht quer hinter der Orgel und wird durch einen alten, lautstarken Winderzeuger auf der drüberliegenden Turmebene mit Wind versorgt. Die elektrische Anlage an sich (aus den 20er Jahren stammend) ist dabei überaus sehenswert. Die geringe Größe des alten Prospektes sowie die Anforderungen des neuen, größeren und vor allem romantischen Werk brachten es mit sich, dass das Instrument gestaffelt aufgebaut werden musste. Vorne direkt hinter dem Prospekt steht auf einer in C- und Cis-Seite geteilten Windlade das zweite Manual, welches durch voll ausgebaute, durchgehend offene Pfeifenreihen beeindruckt und die Prospekthöhe voll ausnutzt. Unter dieser Windlade findet die gesamte pneumatische Anlage Platz. Einige Pfeifen des Geigenprincipal 8′ sind in den Prospekt abkonduktiert und bestehen heute aus Zink. Diese Pfeifen besitzen (anders als die anderen stummen Prospektpfeifen) Expressionen und Kernstiche.
Das Hauptwerk steht auf einer durchgehend chromatischen Windlade um 90 Grad gedreht zum Oberwerk und ragt so in den Turm hinein – die Pfeifen sind dabei nach hinten aufsteigend angeordnet. Parallel zum Hauptwerk steht linksseitig das Pedalwerk. Die großen Pfeifen des Principalbass 8′ sind teilweise wegen der geringen Höhe des Turmraumes liegend (!) untergebracht, aber dennoch offen. Welche Bedeutung Rühlmann dieser Stimme zumaß, dass er alle möglichen Umstände auf sich nahm diese offen zu bauen, statt einfach vertikal und gedeckt die Pfeifen aufzustellen, wird hier deutlich und veranschaulicht die Wichtigkeit eines gut zeichnenden und kräftigen Pedalwerkes für den Erbauer.
Will man den Klang ergründen, so muss man zuerst die alte elektrische Anlage betätigen, die durchaus ungewöhnlich ist: Der Hebel muss 1min nach oben geschoben werden, dann nach unten gedrückt werden. Dies diente früher (in Zeiten einer noch nicht derart stabilen Stromversorgung wie in unserer Zeit) dafür, dass der Motor langsam anlaufen konnte und nicht direkt zu viel Strom für sich beanspruchte. Heute ist dieses Gerät ein interessantes Relikt alter Zeiten und verleitet den Organisten zum Schmunzeln – nach einer langen Predigt beim Anschalten des Motors zum folgenden Lied ist also Obacht geboten!
Klanglich zeigt sich die 361. Orgel der Werkstatt Rühlmann als klassisch typische Orgel ihrer Erbauer. Ein starkes erstes Manual wird einem klanglich etwas zurückgenommenen zweiten Manual, welches dafür im Gehäuse die exponierte Position einnimmt, gegenüber gestellt. Das Pedal übernimmt die Stützfunktion und gibt Tragfähigkeit. Im Hauptwerk steht neben einem gravitätischen Bordun 16′ von runder, dunkler und melancholischer Intonation ein sangesfreudig starker und strahlend-warmer Principal 8′, der durch eine perlende, weich-sanfte Flöte mit großer Tragfähigkeit sowie eine schneidend scharfe, herbe Gambe abgerundet und ab differenziert wird. Eine äusserst starke, helle, glanzvolle Oktave 4′ sowie eine goldene (nicht zu hohe) Mixtur geben dem Werk Glanz, Pracht und gleichzeitig noch mehr Fülle und Strahlkraft. Das zweite Manual bietet Farb- und Charakerstimmen der 8′-Lage als starker, durch die exponiert erhöhte Lage besonders glanzvoll schmaler und cantabler Geigenprincipal, der gut als Solostimme fungieren kann und durch die Prospektpfeifen besondere Präsenz erhält (teilweise lauter als der Gegenspieler im HW!). Ein rundes, dunkel-hohles, mildes Gedackt 8′, geheimnisvoll-streichende, in die Salicionalfarbe driftende Aeoline 8′ vervollständigt das Teilwerk. Eine 4′-Flöte voll spielfreudiger, kullernd-heller Intonation rundet den Klang ab. Das Pedal grundiert mächtig und zeichnungsfähig den Klang Die liegende Position der Pedalpfeifen ist nicht von Nachteil. Die Mischungen sind vielfältig und ausgewogen, das zweite Manual erhält aufgrund seiner vorderen Lage hinter dem Prospekt untypische Solomöglichkeit und Präsenz – eine sehr reizvolle Mischung das etwas indifferente Hauptwerk dem präsenten Oberwerk entgegen zu stellen!
Das volle Werk ist durch Fülle, Kraft, Glanz, Noblesse sowie hohe Mischfähigkeit und goldene Strahlkraft geprägt. Allerdings von “fast barockem Klang”, wie es auf einer anderen Seite zu lesen ist, konnte der Autor nichts feststellen.
Der Zustand der Orgel ist (auch bedingt durch die sehr seltene und sporadische Nutzung der Kirche) schlecht. Das Werk ist original und vollständig erhalten. Lediglich die hohen Pfeifen der Aeoline 8′ sind kurz oberhalb der Oberlabien recht rüde und unelegant (siehe Fotos) abgeschnitten worden, die dazugehörigen Korpora sind verschwunden. Dies führt dazu, dass jene Pfeifen nicht mehr klingen oder nur noch sehr hoch “fiepen”, ob damit in Verbindung mit der Superoktavkoppel ein noch hellerer, eher neobarocker Klang erreicht werden sollte? Die Aeoline ist jedenfalls in der hohen Lage unbrauchbar.
Der Zustand des restlichen Pfeifenwerkes ist akzeptabel – Holzwurmbefall ist nicht feststellbar. Einige Pfeifen in der Mixtur (v.a. die ganz kleinen) sind verbogen. Die Orgel wurde im Rahmen von Malerarbeiten scheinbar nicht abgedeckt, sodass an diversen Pfeifen Farbspritzer zu sehen sind. Staub, Schmutz und Dreck sowie Rieselwerk aus dem Mauerwerk über der Orgel bedecken Windladen und Pfeifen teilweise 5mm hoch, Spinnenweben diverser Art kommen im Inneren dazu, sodass das Besichtigen des Inneren eine doch eher unsaubere Angelegenheit ist. Der Motor bedarf dringend einer Überholung, ebenso die Kanalanlage und der Magazinbalg, dessen Belederung vor allem an den Ecken schadhaft ist. Die elektrische Anlage der Orgel sollte dabei auch gleich überholt werden. Die Flüssigkondensatoren im Einschalter sind nicht mehr zeitgemäß. Die Pneumatik funktioniert weitestgehend fehler- und störungsfrei – Heuler und Durchstecher sind nicht festzustellen. Die Pedalkoppel I funktioniert nur sporadisch, die Oberoktavkoppel gar nicht mehr. In der Manualkoppel sind diverse Töne nicht vorhanden. Windnot oder -mangel ist allerdings nicht festzustellen – die Intonation ist weitestgehend gleichmäßig, die Windversorgung ebenso. Die Kollektivdrücker funktionieren ohne Fehler, die Registereinschaltungen auch. Die Tasten lassen sich gut und angenehm und gleichmäßig spielen, bedürfen aber einer Neuaustuchung. Es wäre wünschenswert, dass diese interessante und edle Orgel restauriert und in ein ansprechendes technisches und klangliches Gewand gekleidet wird.

Disposition

Manual I – Hauptwerk C – f”’

Bordun 16′ (C-h” Holz, gedeckt, ab c”’ Zinn, gedeckt) 

Principal 8′ (C-H Holz, offen, ab c° Zinn, offen) 

Hohlflöte 8′ (C-d#” Holz, offen, ab e” Zinn, offen, doppelte Länge)

Gambe 8′ (C-H Zink, offen, ab c° Zinn, offen)

Oktave 4′ (durchg. Zinn, offen)

Mixtur 2-3fach (2 2/3’+2’+1 1/3′, Zinn offen)

Manual II – Oberwerk C – f”’

Geigen-principal 8′ (C-H Holz, offen, ab c° Zink, Prospekt, ab c’ Zinn, innen)

Liebl. Gedackt 8′ (C-e” Holz, gedeckt, ab f” Zinn, gedeckt) 

Aeoline 8′ (C-F Holz, offen, F#-H Zink, offen, Rollenbärte, ab c° Zinn, offen, ab c” auf 1′ Länge abgeschnitten)

Flauto amab. 4′ (C-h’ Holz, offen, ab c” Zinn, offen)

Pedal C – d’

Subbass 16′ (durchg. Holz, gedeckt)

Principal-bass 8′ (durchg. Holz, offen, C-H liegend)

 

Spielhilfen

Als Registerschalter mittig: Manual-koppel [II/I], Pedal-koppel z.I.M, Pedal-koppel z.II.M., Super-oktav-koppel II.z.I
Als Registerschalter ganz links: Kalkant
Als Kollektivdrücker in der Vorsatzleiste unter Manual I: Auslöser, p, mf, Tutti, Handregister an/ab

Gebäude oder Kirchengeschichte

Um 1200 Errichtung einer romanischen Saalkirche in Kanena.
Nach 1550 gehörte die Kirche als Filiale zu Büschdorf.
Um 1770 schlechter Zustand des Baukörpers, das alte Gotteshaus war zudem zu klein.
1793 (laut Türrahmen und Wetterfahne) Fertigstellung eines neuen Gotteshauses im Stile des Frühklassizismus.
1843 Guss zweier Glocken durch Ulrich/Laucha
1917 Abgabe einer Glocke zu Rüstungszwecken.
1967 Sanierung des Inneren und Äußeren, Aufsatz einer neuen Wetterfahne.
Um 1986 Nutzung durch eine katholische Gemeinde, darauf weisen Zettel mit dem Ablauf einer Messfeier auf der Orgelempore hin.
1995 Neueindeckung des Turmdaches.
2002-04 Sanierung der gesamten Kirche.

Die kleine Kirche in Kanena liegt zentral im Ort, gut sichtbar auf einem freien Platz, malerisch von Gras und einigen Büschen umgeben. Das Gotteshaus zeigt sich als einschiffige Saalkirche in Bruchsteinbauweise mit geradem Ostabschluss sowie eingezogenem Westturm, dessen Untergeschoss noch romanisch ist. Nach oben hin wird der Westturm durch eine oktogonale Glockenstube mit Ziffernblättern und flachbogigen Rechteckfenstern als Schallöffnungen abgeschlossen.
Das Kirchenschiff besitzt ein ab gewalmtes Schieferdach, welches durch zwei kleine Gauben an den Seiten durchbrochen wird. Die Fenster des Kirchenschiffes sind von Sandstein umrahmt, der sich auf dem Bruchsteinmauerwerk gut abhebt und sind zugleich als hohe Halbbogenfenster mit flachem Bogen ausgeführt.
Im Osten hinter dem Altar ist zentral eine Tür und darüber ein weiteres Fenster sichtbar, welches durch seine mittige Lage zugleich die Symmetrieachse darstellt. Die Kirche wird auf der Südseite durch ein rechteckiges Portal mit Sandsteinlaibung betreten. Der Innenraum besitzt eine vollständig frühklassizistische Ausstattung mit Kanzelaltar und wird von einer schlicht weiß getünchten Tonnendecke überwölbt. Der Altar besitzt flankierend schmale Säulen mit schlichten, eckig-angedeuteten korinthischen Kapitellen. Zwei seitliche Verschläge ermöglichen es, durch farbig gefasste Türen hinter die Altarfront zu gelangen. Der Altar besitzt seitliche grob geschnitzte und elegant geschwungene Schnitzwangen, die Akanthusschnitzereien andeuten. Zierpokale sind an beiden Seiten des Altars und in der Bekrönung zu finden. Der schlichte Schalldeckel besitzt innen ein aufgemaltes Auge und darüber eine geschnitzte Krone auf der sich ein Strahlenkranz mit dem hebräischen Gottesnamen darin erhebt. Die Felder des polygonalen Kanzelkorbes sind rechteckig und farbig
abgefasst. Rechts des Altars befindet sich eine kleine, äußerst schlichte Loge sowie das um 1800 entstandene, geschwungene Taufbecken. Eine hufeisenförmig eingeschossige Empore umrahmt den Raum, sie ruht auf viereckigen, schmucklosen Pfeilern und besitzt golden umrahmte Zierfelder, in denen blaue Zierkartuschen auf weißem Grund zu sehen sind. Sie trugen einstmals biblische Sprüche, die aber heute nicht
mehr erkennbar sind.
Der Orgelprospekt in seiner leicht anderen Farbfassung wirkt in dem kleinen Raum als interessanter und wirkungsvoller Kontrapunkt zu dem eher schlichten Kanzelaltar und der restlichen Ausstattung. Eine regelmäßige Nutzung wäre dem edlen, erhaben heiligen Raume – der durch seine geringe Größe eine sanfte Geborgenheit vermittelt – sehr zu wünschen.

Anfahrt

Quellenangaben


Orgelbeitrag erstellt von:

Dateien Bilder Kirche und Orgel: Johannes Richter
Orgelgeschichte: Johannes Richter, ergänzt durch Informationen aus W. Stüven – Orgel und Orgelbau im halleschen Land vor 1800, Breitkopf&Härtel, Wiesbaden 1964
Kirchengeschichte: Johannes Richter, eigene Sichtung vor Ort – ergänzt durch Peggy Grötschel, Matthias Behne: Die Kirchen in der Stadt Halle. Mitteldeutscher Verlag, Halle 2006, ISBN 3-89812-352-9, S. 132–133.

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