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Orgel: Halle (Saale) / Büschdorf – St. Nikolaus

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Gebäude oder Kirche

St. Nikolaus

Konfession

Evangelisch

Ort

Halle (Saale) / Büschdorf

Postleitzahl

06116

Bundesland / Kanton

Sachsen-Anhalt

Land

Deutschland

Bildergalerie + Videos

 

Halle (Saale)/Büschdorf – ev. Kirche St.Nikolaus – Einzel- und Vollgeläut (Turmaufnahme)

 

Johannes Richter spielt Max Drischner (1891-1971) – Choralvorspiel “Ach, was soll ich Sünder machen” (1930)

 

Johannes Richter spielt Max Drischner (1891-1971) – Choralvorspiel “Meinen Jesum lass ich nicht” (1930)

 

Johannes Richter spielt Max Drischner (1891-1971) – Choralvorspiel “O Heiliger Geist, o heiliger Gott” (1932)



Bildrechte: Datenschutz

Orgelgeschichte

Vor 1717 war kein Instrument in der kleinen Filialkirche Büschdorf vorhanden.
1717 Erhöhung des sogenannten Schülerchores für die Aufstellung einer Orgel.
1717 Ankauf eines Orgelpositives, dass durch einen Orgelbauer Jentsch geschaffen wurde, Orgelbauer und Werk sind unbekannt. Eine Schätzung des Wertes der Orgel durch H. Tiensch senkte die Kosten von 60 auf 21 Thaler, Tiensch stellte die Orgel auch auf.
1721 Neubau einer mechanischen Schleifladenorgel I/10 durch David Zuberbier, weil das alte Werk “unrichtig” geworden war, Zuberbier nahm es für 14 Thaler in Zahlung – über den Contract hinaus Einbau einer Posaune 16′.
1844 Reparatur der Orgel.
1887 Untersuchung der Orgel durch August Ferdinand Wäldner (Halle), der die Metallpfeifen als “von geringem Gehalte” betitelt.
1888 Verkauf der alten Orgel für 30 Mark an Orgelbauer Rühlmann.
1888 Neubau einer pneumatischen vorderspieligen Kastenladenorgel II/12 hinter einem neuen Prospekt als Opus 95.
1917 Abgabe der Prospektpfeifen zu Rüstungszwecken.
1929 Ersatz der Prospektpfeifen durch die Erbauerwerkstatt.
1960er Jahre Umdisponierung durch R. Adam (Halle).
Um 2000 Überholung der Orgel durch Thomas Schildt (Halle).

Die kleine Rühlmann-Orgel in Büschdorf, das 95. Werk der produktiven Orgelbauanstalt aus Zörbig, steht harmonisch eingefügt auf der Westempore in einem neoromanisch angehauchten Gehäuse in einer Form, wie sie beispielsweise auch in Wallwitz zu finden ist (hier nur deutlich kleiner!). Ein hohes, mit großem Halbbogen und innenliegenden Kreuzblumen versehenes Mittelfeld wird von zwei oben gerade abschließenden, kleineren Rundbogenfeldern flankiert. Die einzelnen Felder sind durch Pilaster gegliedert, die beiden äußeren Felder besitzen noch einen kleinen Rundbogenfries. Eine ähnliche Gehäuseform baute Rühlmann
auch in Wallwitz, Döllnitz und in Sylbitz. Hinter diesem Prospekt stehen auf einer gemeinsamen Windlade die Manualwerke, vorne das Erste, dahinter das Zweite und hinter dem Stimmgang steht ebenerdig das Pedalwerk. Alle Werke sind chromatisch der Klaviatur folgend, d.h. nach links aufsteigend, angeordnet.
Klanglich zeigt sich die kleine Orgel, deren Klänge einstmals weich, edel und voll waren und dem Prinzip “geteiltes Hauptwerk” folgten, heute stark verändert und barock “aufgewertet”. Das erste Manual besitzt drei noch romantisch intonierte Principalstimmen von sehr kraftvollem, sonoren Klang, wobei die Octave 2′ etwas mehr Schärfe und Spitze hat, als die anderen Register der Principalfamilie – sie ersetzt damit die Mixtur, die Rühlmann in solch einem kleinen, nachhallarmen Raum für ungeeignet hielt, da solche Stimmen in derartigen Räumen schnell zum Schreien oder Überspitzen neigen. Grundiert wird das erste Manual heute von einer eher wenig tragfähigen, dumpfen und sehr hohlen Quintade 16′, die dem Gesamtklang aber doch etwas Masse gibt. Des Weiteren findet sich dort ein sanftes, stilles, warmes Gedackt 8′. Das zweite Manual wurde einschneidend verändert. Wo früher sanfte Charakter- und Farbstimmen der romantischen Orgel standen, findet sich heute ein neobarockes Positiv. Das sanfte, dumpfe und still-warme Lieblich Gedackt
ist noch original von der Erbauerfirma erhalten. Ihm zur Seite gestellt sind heute ein etwas streichender Principal 4′, der deutlich leiser ist als die Octave 4′ des Hauptwerkes und damit samt Manualcoppel als Vorstufe dieser gebraucht werden kann. Eine füllige, aber recht spitze Waldflöte 2′ sowie eine etwas fremdartige, spitze und harte Quinte 1 1/3′ in Principalmensur hellen den Klang der Orgel zusätzlich auf, wirken als Solostimme noch vertretbar, im Raum aber schnell aufdringlich und schrill-hart.
Das Pedal wurde nicht verändert. Der volle, weit mensurierte und entsprechend tragfähige Subbaß sowie der stark zeichnende Octavbaß tragen noch heute jeden Klang. Die Möglichkeiten der Registrierung sind
vielfältig und durchaus farbig, aber schnell ins aufdringlich-helle gehend, was sich von den romantisch klingenden Grundstimmen der Orgel schnell unangenehm abscheidet und trennt, sodass der Spieler hier Vorsicht walten lassen sollte.
Hinter dem vorne angefügten Spieltisch sollte der Spieler, so er lange Beine hat, ebenfalls Vorsicht walten lassen, denn der Raum vom Spieltisch zur Emporenbrüstung ist sehr begrenzt, was das Pedalspiel für große Menschen unter Umständen etwas erschwert. Dennoch spielt sich das Werk sehr angenehm, die Pneumatik agiert präzise und ohne Ausfälle, auch die festen Kombinationen funktionieren einwandfrei, klingen aber heute durch die geänderte Aufstellung der Register auf der Lade etwas merkwürdig, da z.B. im Piano die Waldflöte mit eingefügt ist.
Der Zustand des Werkes ist gut, frei von Holzwurm- und Anobienbefall, ohne Schäden am Pfeifenwerk. Leichte Verstimmungen sind festzustellen, Undichtigkeiten in der Balganlage gibt es nach Kenntnis des Autors nicht. Der Klang des vollen Werkes ist frisch und lebendig, aber etwas spitz und nicht so rund und vollmundig, wie es von einer Rühlmann-Orgel zu erwarten wäre. Doch was sollen diese Worte – freuen wir uns lieber daran, dass ein kleines Werk in sehr gutem Zustand vor uns steht und uns mit seinen Klängen erfreut, die Rückführung auf die originale Disposition wäre natürlich die größte Freude für die Orgellandschaft der Stadt. Doch vor allem ist wichtig, dass die Orgel gespielt wird. Und das wird Sie, und erfüllt den kleinen, geborgenen Raum bis in den letzten Winkel mit ihrem Klang.

Disposition

Disposition Stand 2021

Manual I – Hauptwerk C – f”’

Quintade 16′ (ab c°, c°-f” Holz, gedeckt, ab f#” Zinn, gedeckt) 

Principal 8′ (C-H Holz, gedeckt, ab c°-e” Prospekt, Zink)

Gedackt 8′ (C-f” Holz, gedeckt, ab f#” Zinn, gedeckt)

Octave 4′ (durchg. Zinn, offen) 

Nasard 2 2/3′ (durchg. Zinn, offen, ab f#” konisch)

Octave 2′ (durchg. Zinn, offen) 

Manual II – Oberwerk C – f”’

Liebl. Gedackt 8′ (C-c’ Holz, gedeckt, ab c#’ Zinn, gedeckt)

Principal 4′ (C-F Zink, ab F# Zinn, offen)

Nachthorn 2′ (durchg. Zinn, offen)

Quinte 1 1/3′ (C-a° Holz, offen, ab a#° Zinn, offen)

Pedal C – d’

Subbaß 16′ (Holz, gedeckt)

Principal baß 8′ (Holz, offen)

 

Originale Disposition 1888

Manual I – Hauptwerk C – f”’

Bordun 16′ (ab c°)

Principal 8′

Gedackt 8′

Gamba 8′

Octave 4′

Octave 2′

Manual II – Oberwerk C – f”’

Liebl. Gedackt 8′

Flauto traverso 8′

Salicional 8′

Flauto amabile 4′

Pedal C – d’

Subbaß 16′

Principal baß 8′

 

Disposition der Orgel von Zuberbier (1721)

Manual C, D – c”’

Gedackt 8 Fuß (“Tännen Holtze”)

Principal 4 Fuß (“von guten Zinn”)

Quintadene 4 Fuß*

Quinta 3 Fuß*

Octava 2 Fuß*

Spitzflöte 2 Fuß*

Tertia 1 3/5’*

Mixtur dreyfach 1 Fuß*

Pedal C, D – c’

Sub-Bass 16 Fuß (“von gutem Tännen Holtze”)

Octav-Bass 8 Fuß (“von gutem Tännen Holtze”)

Posaunen-Bass 16 Fuß (über den Contract hinaus) 

*”von Metall” 

Spielhilfen

Als Registerschalter mittig-links: Manual Coppel [II/I], Pedal Coppel [I/P]
Als Registerschalter ganz rechts: Calcant [außer Funktion]
In der Vorsatzleiste unter Manual I als Collectivdrücker: 0., I., II., III. [Auslöser, p, mf, ff]

Gebäude oder Kirchengeschichte

Um 1150 Gründung der Kirche im Ort Büschdorf (1228 erstmalig erwähnt) – das Patrozinium des in einem sumpfigen Gebiet erbauten Gotteshaus weist auf flämische Siedler hin, die ihre Kirchen oft dem Hl. Nikolaus (dem Schutzheiligen vor Wassergefahren) weihten.
14./15. Jahrhundert Umbau im Stile der Gotik, Wiedereinbau der Sakramentsnische und des dreiseitigen Chorabschlusses.
Spätes 14. Jhd. Guss der kleinsten Glocke.
1720-24 umfassende Barockisierung der Kirche, dabei auch Erhöhung des Kirchenschiffes und Einbau neuer Innenausstattung.
1909 Aufsatz einer neuen Wetterfahne auf dem Turm.
1913 Einbau der Buntglasfenster, geschaffen von F. Müller (Quedlinburg).
1917 Abgabe einer Glocke zu Rüstungszwecken.
1942 Abgabe einer weiteren Glocke zu Rüstungszwecken.
1951 Guss einer neuen Glocke durch Schilling (Apolda), Umhängung beider Glocken an gerade Stahljoche mit DDR-Gloria-Läutemaschinen.
1994 – 2001 Sanierung der Kirche, u.a. Neuverputz der Tonne, Einrichten von Beobachtungsstellen zur Turmneigung.
2020 Sanierung der Läuteanlage durch Perrot – Einbau neuer Klöppel und Joche sowie neuer Läutemaschinen.

Die kleine Nikolauskirche in Büschdorf liegt leicht erhöht im Zentrum des ehemaligen Dorfes, umgeben von der malerischen Grünfläche des ehemaligen Kirchhofes, die das kleine Gebäude sanft einschließt und erst auf den zweiten Blick sichtbar macht. Das Kirchlein zeigt sich heute als ein von außen etwas ergrauter, einschiffiger, verputzter Bruchsteinbau mit dreiseitigem Ostabschluss. Vier flache, halbbogige Fenster mit flachen Bögen durchbrechen die Wände des Kirchenschiffes. Im Chor finden sich zwei weitere Fenster dieser Bauart. Im Westen ist der Turm angefügt, dessen Untergeschoss aus romanischer Zeit über die gesamte Breite des Kirchsaales reicht.
Die rechteckige Glockenstube mit ihren rundbogigen Schallöffnungen ist etwas schmaler als das Untergeschoss und durch zwei kleine Giebel an dieses angeschlossen. Bekrönt wird der Turm durch eine welsche Haube samt Laterne, Turmknopf und Wetterfahne. Leider neigt sich der Turm heute bedingt durch den weichen Baugrund immer weiter vom Kirchenschiff weg, deutliche Risse in der Wand über und hinter der Orgel sind dabei schon zu sehen, werden aber akribisch beobachtet, sodass davon keine Gefahr ausgeht.
Das Innere der Kirche zeigt sich freundlich, hell und schlicht, von weißen Farbtönen dominiert. Eine weiß verputzte Holztonne, die auf einem mehrfach abgestuften, vorschwingenden Gesims ruht, überspannt den Raum. Ein schlichtes Kreuz aus Holz dominiert die Altarwand im Osten, darunter befindet sich ein schlichter schmuckloser steinerner Altartisch. Die Buntglasfenster links und rechts des Altars zeigen Melanchton und Luther, jeder mit einem Buch (Confessio Augustana und Bibel) in der Hand. Der Taufstein aus Sandstein steht auf einem viereckigen Fuß samt ebenso geformtem Schaft – sein Becken ist achteckig. Er trägt als einzige Zier die Jahreszahl 1520 und ist ansonsten schmucklos, aber von sehr regelmäßiger Form. An der Nordwand des gotischen Chores ist eine Sakramentsnische aus dem Vorgängerbau eingefügt – sie dürfte um 1200 entstanden sein und zeigt oben und unten einen zu der Zeit üblichen Würfel- bzw. Schachbrettfries. Die ebenerdig stehende Kanzel auf der Südseite des Raumes ist äußerst schlicht, ihr vierseitiger angedeuteter Kanzelkorb ist nur mit einfachen Kassettenfeldern versehen, die farblich abgesetzt sind. Die Empore ist hufeisenförmig ausgeführt und ruht auf achteckigen Säulen mit angedeutetem Kapitell. Im Westen schwingt die Empore bogenförmig nach vorne – ihre Brüstung ist dort mit galerieartigem Gitterwerk verziert. Die Seitenemporen besitzen einfache Kassettenfelder, welche heute mit Zeichnungen und Gemälden des Büschdorfer Kindergartens zu biblischen Szenen verziert sind und so dem Raum einen bunten Farbtupfer geben. Der Raumeindruck ist klein und gedrungen, aber nicht eng, eher geborgen, warm, licht, und lässt den Gottesdienst in der Büschdorfer Kirche stets ernsthaft und andachtsvoll sein.

Anfahrt

Quellenangaben


Orgelbeitrag erstellt von:

Dateien Bilder Kirche und Orgel: Johannes Richter
Orgelgeschichte: Johannes Richter, ergänzt durch Informationen aus: W. Stüven – Orgel und Orgelbau im Halleschen Land vor 1800, Breitkopf&Härtel, Wiesbaden 1964
Kirchengeschichte: Johannes Richter, basierend auf Informationen eines Aushangs in der Kirche sowie mündl. Informationen von Prof. Staege
Historische Disposition in: W. Stüven – Orgel und Orgelbau im Halleschen Land vor 1800, Breitkopf&Härtel, Wiesbaden 1964, St.64f.

Youtube-Videos von Johannes Richter auf dem Kanal JRorgel

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